11. Europameisterschaft vom 05.-19.03.2010 in Rijeka – Ein Tagebuch

 

Ein Traum wird wahr – meine erste Europameisterschaft! Das geht natürlich nur, weil das Turnier offen ausgeschrieben ist. Sonst könnten solche Patzer wie ich dort gar nicht mitspielen. Es geht in ein Land, das in seinem Staatswappen als wesentlichen Teil ein Schachbrett zeigt! Obwohl ich in den bevorstehenden 11 Runden heftige Prügel beziehen werde, freue ich mich auf das Ereignis. Bei den Herren sind 425 Spieler vorangemeldet, 188 davon Großmeister!

 

Freitag, 05.03.10:
Um 12:36 Fahrt zum Flughafen mit Bus und S-Bahn. Abflug ist um 15:20 mit Lufthansa, Terminal 2. Beim Einstieg in den Bus, der die Passagiere übers Rollfeld zum „Fluggerät“ bringt, erkenne ich eine spanische WGM wieder, die sich angeregt mit GM Josep-Manuel Lopez-Martinez (ESP, 2548) unterhält. Und da steht GM Yannick Pelletier (CH, 2616) und gleich daneben GM Georg Meier (D, 2663) nebst Jan Gustafsson (D, 2646), dem Co-Sieger von Gibraltar im Januar/Februar 2010 sowie Francisco Vallejo-Pons (ESP, 2706). Die beiden Letztgenannten kommen direkt vom Bundesliga-Spitzenmatch Werder Bremen-Baden-Baden, das kürzlich in Heidelberg-Handschuhsheim stattfand. Bremen gewann überraschend mit 5:3. Bestimmt sind noch mehr Titelträger anwesend, die ich nur nicht erkenne. Ein großmeisterlicher Flug steht bevor!

Der Flug ist fast pünktlich. Nach 45 Minuten setzen wir wohlbehalten auf der Zagreber Landebahn auf. Beim Einstieg in den Bus, der mich zum Flughafengebäude bringt, stehe ich neben dem zierlichen Fabiano Caruana. Mit diesem Weltklassemann darf ich also Bus fahren. Welche Ehre!

Wir sollen alle mit Bussen abgeholt werden. Es ist auch ein Bus da, in dem ca. 15 Teilnehmer sitzen, die bereits seit drei Stunden warten! Auch wir Neuankömmlinge warten ab 16:55 und zwar auf eine weitere Maschine, die kurz vor 18:00 eintreffen soll. Es ist todlangweilig. Gustafsson fragt Pelletier nach den Bedingungen für Biel. Dieser rattert sofort die Preisgelder herunter: „7000,- SFR, 5000,- SFR…“ Gustafsson überschlägt die Summen in Euro. „Aber warten Sie nicht zu lange“, fügt Pelletier noch hinzu. Gespräche unter Schachprofis… Erstaunlicherweise siezt er den Deutschen.

Dieser will 2010 „richtig“ Schach spielen, will in der Weltrangliste nach oben klettern und sucht nach geeigneten Turnieren, was auf dieser Ebene gar nicht so einfach ist. In den Jahren zuvor hatte er keine rechte Lust, ernsthaft an seinem Schach zu arbeiten, aber mit 30 will er es noch mal wissen. In einem kürzlich erschienenen, lesenswerten Spiegel-Online Beitrag wird seine Lebenssituation aufschlussreich geschildert. www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,680073,00.html
Man darf gespannt sein, wie weit er es mit seiner veränderten Lebenseinstellung bringen wird und ob er seine aktuelle ELO von 2646 entscheidend verbessern kann. 2700 sind ihm durchaus zuzutrauen.

Um 17:50 setzt sich der Bus in Bewegung, ohne dass ein einziger weiterer Fahrgast eingestiegen ist! 165 Kilometer sind es bis Opatija. Dort sind alle Spieler in verschiedenen Hotels untergebracht. Es hat geschätzte 3-5° Außentemperatur, also nur ein paar Grad „wärmer“ als in München. Links und rechts der Autobahn liegen wahre Schneemassen, aber die Straße selbst ist trocken. Gute zweieinhalb Stunden später rollt der Bus in Opatija ein und hält irgendwo im Zentrum das erste Mal an. Keiner weiß, an welchem Hotel wir sind. Es wird nichts angesagt. Konfusion kommt auf. Ich bekomme schließlich mit, dass es nicht das „Adriatic“ ist, das Hotel, in dem ich wohnen werde. Nach zehn Minuten geht’s weiter. Kurz darauf lese ich in Leuchtschrift „Grand Hotel Adriatic****. Der Bus hält an, und ich bin wieder verunsichert. Ich habe nämlich im Hotel „Adriatic***“ gebucht, ohne „Grand“ und mit nur 3 Sternen. Ich steige aus und spreche den Busfahrer an. Der versteht nur kroatisch. Außerdem klingelt in diesem Moment sein Handy!

Fast alle steigen aus, holen das Gepäck aus dem Bauch des Busses und streben Richtung Eingang des Grand Hotels Adriatic. Also schließe ich mich ebenfalls an und hoffe, dass dies die richtige Entscheidung ist. Kurz darauf erfahre ich, dass in dem riesigen Gebäudekomplex gleich zwei Hotels beheimatet sind, das „Grand Hotel Adriatic“ und das Adriatic.

Wir werden an einem Anmeldetisch empfangen. Jeder erhält eine Tüte mit zwei aufwendig gedruckten Heften, nein Büchern muss man sagen! Das eine gibt erschöpfend Auskunft über sämtliche touristischen Möglichkeiten, die es in Opatija und Umgebung gibt. Buch Nummer zwei informiert ausführlich über das Schach in Rijeka in Vergangenheit und Gegenwart. Dazu gibt es die übliche Akkreditierungskarte samt Umhängeband.

Inzwischen ist es 20:50. Beim einchecken erfahre ich, dass es nur bis 21:00 Abendessen gibt. Also schnell in den Speisesaal und erst dann ins Zimmer. Leider fährt der Aufzug erst ab dem ersten Stock und nicht von der Ebene der Rezeption. Mit meinem 21 kg schweren Schachbuchkoffer (einige T-Shirts sind auch noch drin!) samt Laptop und Fotokamera muss ich immerhin 19 Stufen überwinden, um zum Aufzug zu gelangen.

Das Zimmer ist absolut in Ordnung. Es ist alles da, was ein Schachspieler braucht! Ein Tisch für den Laptop und mein Schachbrett, ein Schrank für die Schachbücher und die DVDs, genug Licht, um die Partien zu betrachten, und was das Wichtigste ist: Ein Adapter zum Anschluss des Laptops ist nicht notwendig. Die Steckergröße ist dieselbe wie bei uns. Die Kroaten haben offenbar großzügige Sponsoren gefunden, denn der übliche Zimmerpreis für eine Übernachtung mit Frühstück in meiner Zimmerkategorie kostet 75,- Euro. Ich hingegen zahle für Vollpension gerade mal 42,-. Kein schlechter Deal.

Durch die verspätete Ankunft haben wir fast alle die offizielle Eröffnungsfeier in Rijeka verpasst. Das ist schade, aber nicht zu ändern.

Schnell den Schrank zum Schachbuchregal umfunktioniert und dann ab an den Laptop, um meine letzte Mannschaftskampfpartie aus dem Match gegen Ammersee einzugeben und analysieren zu lassen. Schließlich kommt morgen neues Material hinzu. Kurz nach 23:00 sinke ich erledigt in die warmen Federn.

Samstag, 06.03.10:
Ich habe herrlich geschlafen und wache gut vorbereitet für die erste Niederlage auf! Erstmals genieße ich bei strahlendem Sonnenschein den phantastischen Meerblick von meinem Balkon aus dem 6. Stock! Nach einem köstlichen und ausgiebigen Frühstück eile ich zurück an den Laptop und schreibe die ersten Zeilen dieses Tagebuchs. Gegen 10:30 geht’s wieder hinunter, um nach der Auslosung zu sehen. HURRA – ein Großmeister winkt! Adam Horvath, ein 26-jähriger Ungar mit einer ELO von 2501. Damit ist er nur die Nummer 181 der Setzliste! Nicht zu fassen, wie stark dieses Teilnehmerfeld ist. Letztlich werden 408 Teilnehmer an den Start gehen. Ich bin an 385 gesetzt… In Gibraltar habe ich satte 39 Zähler verloren und werde hier nur noch mit einer ELO von 1877 geführt. Grund genug also, mich ins Zeug zu legen, um wenigstens einen Teil des Verlustes wieder wettzumachen.

Ich habe Weiß und stelle schnell fest, dass er Paulsen spielt. Ein paar Mal ist er damit ganz böse eingegangen, wie ich beim Nachspielen von geschätzten 25 Partien feststelle. Aber für mich wird’s schon reichen. Dennoch will ich meine Haut so teuer wie möglich verkaufen.

Gegen 13:15 gehe ich schon wieder zum Futtern. Ich fahre Aufzug mit David Howell (19, GB, 2611), Sohn eines Engländers und einer Bürgerin von Singapur. Er ist die neue Hoffnung der Engländer. Am Buffet wähle ich Fisch mit Gemüse und Salat. Nur nichts Schweres, was mich während der Partie belastet. Ich bin jetzt voll auf Schach eingestellt, will nichts anderes mehr an mich heranlassen. Um 14:20 werden wir mit dem Bus abgeholt und ins 11 km entfernte Rijeka gebracht. Gegen 14:45 erreichen wir die nagelneue, soeben eröffnete Mehrzweckhalle „Zamet“. Der Teppichboden erinnert mich an Deizisau. Nur hier haben neben den 408 männlichen Teilnehmern auch noch die 158 Spielerinnen der Damenkonkurrenz bequem Platz.

Ich habe gut Zeit, mich etwas umzusehen und zu akklimatisieren. Nach und nach trudeln all die Weltklasse-Großmeister ein und halten untereinander Smalltalk. Ich mache mein erstes Foto. Danach streikt die Kamera. ENTSETZEN! RATLOSIGKEIT! Nun habe ich keine Zeit, mich darum zu kümmern. Ich lasse mich an meinem Brett 181 nieder und fülle das Partieformular aus. Es gibt hier sogar zwei Durchschläge, also drei Blätter!

Um 15:23, also sieben Minuten vor Spielbeginn, ergreift der Hauptschiedsrichter das Wort und weist in monotonem Englisch ganz streng auf einige technische Dinge hin. Gespielt wird mit der Bedenkzeit „Fischer kurz“, das heißt, 90 Minuten für 40 Züge plus 30 Minuten für den Rest der Partie zuzüglich 30 Sekunden pro Zug vom ersten Zug an. Fünf Minuten vor Rundenbeginn müssen alle Spieler an ihren Plätzen sitzen und startklar sein. Wer um 15:30 nicht auf seinem Platz sitzt, wenn die Uhr eingeschaltet wird, hat verloren!

Es sind keine der üblichen Honoratioren anwesend, die das Turnier feierlich eröffnen. Kein Funktionär rückt sich ins rechte Licht. All dies hat bereits am Vorabend stattgefunden. Nach den Partien müssen die Könige zum Zeichen des Partieausgangs auf die richtigen Felder im Zentrum gestellt werden. Nach drei langen Minuten des stummen Wartens kommt das Kommando. Die Partien dürfen aber erst begonnen werden, wenn die Schiedsrichter die Uhren in Gang gesetzt haben. Dies ist jedoch nach wenigen Sekunden geschehen, und ich führe meinen ersten Zug aus.

Erwartungsgemäß entsteht ein Paulsen-Sizilianer (ECO Code B 48). Ich bin erstaunt, wie gut ich mithalten kann. Nach 14 Zügen hat er eine knappe halbe Stunde mehr verbraucht als ich, und steht trotzdem nicht besser. Die Stellung ist im strategischen Gleichgewicht. Ich fühle mich wohl! Nach dem 21. Zug hat er nur noch 8 Minuten Bedenkzeit übrig. Inzwischen habe ich aber ziemliche Probleme, überhaupt einen vernünftigen Zug zu finden. Ich werde nervös und greife prompt fehl. Mit einem einzigen Zug verderbe ich die akzeptable Stellung und büße nach weiteren vier Zügen einen Springer ein. Nachdem ich nicht einmal mehr im Trüben fischen kann, werfe ich das Handtuch. Wenigstens habe ich mich über drei Stunden wacker gehalten und erst dann einen schwachen Zug gemacht. Schade, aber dieser Partieausgang war zu erwarten. Immerhin habe ich nicht schon früh auf billige und peinliche Weise verloren. Das war vor der Partie meine größte Befürchtung.

Der siegreiche Ungar ist gerne bereit, mit mir zu analysieren. Es stellt sich heraus, dass ich mehrere starke Züge gemacht habe, die er lobend erwähnt. Leider waren neben dem entscheidenden Fehler vorher auch drei Ungenauigkeiten dabei, die zu der kritischen Stellung führten. Jedenfalls konnte ich auch in der Analyse mit einigen brauchbaren Zugvorschlägen aufwarten. Ich bin erstaunt, wie viel ich gesehen habe! Trotz der Null: So kann es ruhig weitergehen.

Um 20.00 besteige ich einen der Busse, der uns wieder nach Opatija zurückbringt. Ich habe Pech und muss die gesamte Rückfahrt stehen. Da freut sich mein Rücken überhaupt nicht. Dafür fülle ich meinen Bauch erneut mit mediterranen Köstlichkeiten und beobachte dabei Gibraltar-Sieger Michael Adams, wie er sich zwischen Apfel und Kiwi einfach nicht entscheiden kann. Wie am Schachbrett…
Im Zimmer im 6. Stock gebe ich sofort die Partie ein, betrachte intensiv die Analysezüge von Rybka und aktualisiere das Tagebuch. Gegen 23:45 ist der erste volle Tag beendet. 0 aus 1.

Sonntag, 07.03.10:
Noch vor dem Frühstück eile ich zum Anschlagsbrett, an dem die Paarungen der zweiten Runde hängen. Ich muss mit Schwarz gegen FM Torsten Sarbok (ELO 2319) ran. Er spielt aktuell in der Bundesliga für König Tegel, und 2008 hat er in Cesenatico mitgespielt. 5,5/9 hat er dort erzielt. Er zieht 1. e4. Ich schaue mir also ausgiebig Französisch-Partien an. Das ist deshalb nötig, weil er die Systeme variiert.

Ich fühle mich müde und abgespannt. Dabei bin ich ausgeschlafen und habe keine anstrengende Tätigkeit hinter mich gebracht. Ich brauche dringend mehr Bewegung und frische Luft. Aber erstens ist es heute unangenehm kalt und zweitens ist Sonntag, das heißt, auf den Straßen ist absolut nichts los. Aber ab Montag muss sich der Tagesrhythmus ändern. Meine Augen brennen vom ewigen Gaffen auf den Plastikdepp. Also wechsle ich das Gerät gegen das gute alte Schachbrett mit Figuren aus und spiele eine von Magnus Carlsen kommentierte Partie gegen Vladimir Kramnik nach. Es ist ein Genuss, mit welcher Leichtigkeit der begnadete Norweger zu Werke geht. Warum kann ich nicht ein Stück seines Genius abhaben?

Im Bus setzt sich GM Evgeny Alexejew (RUS, ELO 2700) ganz hinten neben mich. Ich nutze die Gelegenheit, um meine inzwischen traditionelle Autogrammjagd zu beginnen. Bereitwillig signiert er. Im Spielsaal folgen Boris Grachev (RUS, 2667), von dem ich vorher nicht einmal namentlich gehört habe, Evgeni Bareev (RUS, 2667), der alte Haudegen, der aber immer noch eine scharfe Klinge schlägt, Alexander Moiseenko (UKR, 2668), Ian Nepomniachtchi (kein Schreibfehler!), (RUS, 2656), dessen Unterschrift in lateinischen Buchstaben so gar nicht seinem Namen ähnelt, sowie Sergej Grigoriants (RUS). Angesichts der Flut von Großmeistern sammle ich nur noch ab einer ELO von 2600. Nur ab und zu rutscht mir einer wie Grigoriants dazwischen, der aktuell mit 2562 notiert ist.

Ein ewig junges Thema ist die Kleidung der Schachspieler. Der tschechische Frontmann, David Navara, (2706) ist an für sich ein sehr sympathischer Zeitgenosse. Er trägt wieder einmal seinen mir inzwischen gut bekannten cremefarbenen, deutlich zu großen Anzug mit Krawatte. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen, wenn da nicht ein zerknitterter, knallblauer Anorak wäre, den er zum Schutz gegen die Kälte darüber trägt. Einfach fürchterlich, dieser Anblick! Beim Betrachten von Khismatullins hellblau-weiß gemusterten Shorts (!) wird mir schwindelig. Spiralen, Dreiecke und andere geometrische Formen verwirren das Auge! Dem bulligen Russen ist nichts peinlich genug. GM Alexejew (2700) tritt in einem weißen T-Shirt mit großer Goofy-Figur an. Das sieht einfach lächerlich aus! Offenbar haben sich auch manche Russen dem unterirdischen Niveau des ehemaligen Klassenfeindes angepasst!

Gegen 15:20 strebe ich zu meinem Brett 185, um mich geistig auf die Partie einzustellen. Ich fülle das Partieformular mit den üblichen Daten aus, als mein Gegner, ein sympathischer Berliner, am Brett erscheint und mich freundlich begrüßt.
Die Szene wird von der schnarrenden Ansage des Oberschiedsrichters jäh unterbrochen: „TAKE YOUR SEATS, PLEASE! FIVE MINUTES MISSING TO START!“ Wir alle sitzen also diese fünf Minuten stumm am Brett ab, bevor die Armada der Schiedsrichter, 19 an der Zahl, die Uhren in Gang setzt. Zusätzlich gibt es noch vier Chefschiedsrichter.

Sarbok erwischt mich eröffnungstheoretisch auf dem falschen Fuß. Die ganze Vorbereitung ist umsonst! Eigentlich habe ich gegen sein gewähltes System schon eine Variante parat, aber dadurch, dass das so selten dran kommt, habe ich das weitgehend vergessen. Jedenfalls fühle ich mich unsicher und spiele eine etwas minderwertigere Fortsetzung. Im 7. Zug entkorkt er eine Überraschung, die mich völlig aus der Bahn wirft. Anstatt kühlen Kopf zu bewahren, denke ich viel zu kompliziert und noch dazu verkehrt. Ich bin von Anfang an auf dem falschen Dampfer und komme überhaupt nicht recht in die Gänge.

Um den 20. Zug herum habe ich einen Bauern weniger, dafür steht einer seiner Springer traurig auf a3, und ich bin stolzer Besitzer eines klassischen Vollzentrums, bestehend aus e5 und d5! Ich fühle mich erstmals in der Partie wohl und denke, dass das eine ausreichende Kompensation sein sollte. Wie er aber später in der Analyse feststellt, ist das nicht der Fall. Das Zentrum ist schwach, und auch sein arbeitsloses Ross galoppiert via c2 und e3 rasch ins Zentrum zurück.

Tja, irgendwo müssen ja die rund 400 ELO-Punkte Unterschied herkommen! Und so nehmen die Dinge ihren unvermeidlichen Lauf. Das Zentrum fällt schnell auseinander, ein zweiter Bauer geht verloren, sein Turm besetzt die e-Linie und droht im Verbund mit beiden Springern matt oder Läufergewinn. Der berühmt-berüchtigte Franzosenläufer steht auch in der Schlussstellung noch auf seinem Ursprungsfeld c8. Im Foyer erstehe ich eines der Plakate, die anlässlich dieser Europameister-schaft gedruckt wurden. Wenigstens finde ich diesmal einen Sitzplatz im Bus.

Nach dem Essen surfe ich erstmals an einem der kostenlosen Internetbildschirme. Bayern nur 1:1 in Köln, aber Leverkusen hat in Nürnberg verloren. Gut so. Gegen 21:00 erscheint die Auslosung für die 3. Runde. Ich werde gegen Per Ofstad aus Norwegen gelost (ELO 2169), der, wie sich herausstellt, bereits 1958 an der Schacholympiade in München für Norwegen am Start war!

Er hat gegen die gesamte damalige Weltklasse gespielt: Bent Larsen (DK), der gerade 75. Geburtstag feierte und damals nach Bobby Fischer der stärkste Großmeister der westlichen Hemisphäre war, Lajos Portisch (HUN), mehrmaliger Teilnehmer an den Kandidatenmatches zur Weltmeisterschaft und jahrzehntelange Nummer 1 der Ungarn, der Österreicher Karl Robatsch, der so viel für die Moderne Verteidigung beigetragen hat (1…g6), Heikki Westerinen, ein bärenstarker Finne in den 60er und 70er Jahren, Boris Ivkov, damals Jugoslawiens bester Mann neben der Legende Svetozar Gligoric und viele mehr. Ich hoffe sehr, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Der Mann hat garantiert viel zu erzählen!

Lustlos gebe ich die heutige Partie in meine Datenbank ein und beende den Tag gegen 23:00. 0 aus 2.

Montag, 08.03.10:
Strahlender Sonnenschein macht mir das Aufstehen leicht. Ein Schritt auf den Balkon um 07:32 verrät mir, dass es heute wohl deutlich wärmer wird als in den letzten Tagen. Im Aufzug komme ich mit einem isländischen Großmeister ins Gespräch. Ein sehr netter Mann, der nicht nur gut deutsch spricht, sondern seit 2008 auch für Schwerin in der Oberliga „Nord Nord“ spielt. Aktuell hat er eine ELO von 2494, was ihn nicht davon abhält, von der Qualifikation für den Weltcup zu träumen. Ganz schön optimistisch! Unter www.wikipedia.org/wiki/henrik_danielsen finden sich viele weitere Informationen über diesen interessanten Menschen!

Nach dem Frühstück feile ich am Tagebuch. Gegen 10:20 hole ich mir aus dem Internet einige Detailinformationen über das Turnier. Aus den geplanten zehn Minuten wird eine geschlagene Stunde. Die Suche nach Online-Trainingsangeboten hat mich auf der Datenautobahn hin und her düsen lassen. Ich mache mich also erst um 11:30 auf die Socken, um die Stadt zu erkunden. Es bläst nach wie vor ein eisiger Wind, was mich nach sieben Minuten wieder umkehren lässt, längst bevor ich das Stadtzentrum erreicht habe. Meine Ohren schmerzen, und ich habe Angst, mir einen Schnupfen oder gar Schlimmeres einzufangen. Da hat mich mein morgendlicher Eindruck auf dem Balkon gewaltig getäuscht.

Die Vorbereitung auf Caro-Kann wird abgekürzt. Die Variante, die vermutlich gespielt werden wird, ist in der Datenbank nur spärlich vertreten. Diesmal werde ich mich mehr auf meine gedruckten Unterlagen verlassen. Ich bin deutlich früher beim Mittagessen, wodurch ich etwas Zeit für eine Siesta gewinne. Vielleicht ist das die bessere Strategie, am Brett zum Erfolg zu kommen.

Ab heute fahren die Busse von einer anderen Bushaltestelle ab und zwar erst um 14:40. Um diesen Punkt zu erreichen, ist ein steiler Treppenaufstieg hinauf zur Hauptstraße nötig, der mich gewaltig außer Puste bringt. Aber genau das bringt meinen Kreislauf in Schwung und tut mir ausgesprochen gut. Leider Gottes hält der extrem lange Gelenkbus einige Meter vor dem Punkt, an dem ich stehe, so dass ich das Monster erst dann entern kann, als alle Sitzplätze belegt sind. Das heißt also, dass ich mich eine knappe halbe Stunde im Stehen mit beiden Händen am oberen Gestänge festhalten muss, um die kurvige, unruhige Fahrt schadlos zu überstehen. Eine optimale Einstellung auf die Partie sieht anders aus. Auch anderen geht dieser tägliche Transport bereits nach wenigen Tagen auf die Nerven.

Heute erhalte ich Autogramme von Alexander Riazantsev (RUS, 2660), Boris Savchenko (RUS, 2652), Vladimir Potkin (RUS, 2606), Ioannis Papaioannou (GRE, 2630, endlich mal kein Osteuropäer!) sowie Titelverteidiger Evgeny Tomashevsky (RUS, 2701). Aber es fehlen noch so viele Topleute: Ernesto Inarkiev (RUS, 2667), Viktor Bologan (MDA, 2684), Ivan Sokolov (BIH, 2634) und viele mehr. Ich breche etwas früher ab, in der Hoffnung, meinen Gegner bereits am Brett vorzufinden, und ich habe Glück! Sofort spreche ich ihn auf die Olympiade 1958 in München an, mein Geburtsjahr und seit nunmehr 22 Jahren meine Heimatstadt. Es sprudelt vom ersten Moment an nur so aus ihm heraus. Die damalige Olympiade fand im Kongresssaal des Deutschen Museums an der Ludwigsbrücke statt und sie ist ihm in bester Erinnerung. Er berichtet von mehrfachen Besuchen des Deutschen Museums, das ihn sehr beeindruckt haben muss.

Dann kommt er zum Thema Seniorenschach. Er ist für die Europäische Schachunion (ECU) aktiv und verantwortlich für die jährlich stattfindende Senioren-Mannschafts-Europameisterschaft. In den letzten Jahren fand diese stets im Dresdner Ramada-Hotel statt. Nun soll der Austragungsort wieder jährlich wechseln, denn nach seinen Worten soll es „kein Turnier für die Reichen, sondern eines für die Besten sein!“ Er spielte damit auf das Fehlen starker Schachnationen wie Tschechien, die Slowakei, Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien oder Moldawien an. Die meisten dieser Spieler können sich einen langen, teuren Aufenthalt im Westen nicht leisten. Leider blökt dann der Schiri wieder seinen vorgestanzten Satz ins Mikro: „FIVE MINUTES MISSING TO START!“ und die höchst interessante Konversation hat schon wieder ihr Ende gefunden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat – leider!

Von wegen Caro-Kann. Er spielt 1…e5! Endlich mal wieder ein ordentlicher Spanier. Aus der Eröffnung kann ich zwar keinen Vorteil erzielen, trotzdem ich stehe nicht übel. Recht überraschend erhalte ich Angriff, den ich mit einem Springerscheinopfer einleite. Die Initiative gehört mir, aber er verteidigt umsichtig. Als die Zeit für beide knapp wird, gewinne ich einen Bauern, aber er verfolgt mit beiden Türmen meine Dame, die sich diesen Angriffen nicht entziehen kann. Nach der Zeitkontrolle wird die Zugwiederholung ausgeführt, und wir vereinbaren die Punkteteilung. Mein erstes zählbares Ergebnis ist unter Dach und Fach, immerhin gegen ELO 2197! Zu einer gemeinsamen Analyse kommt es leider Gottes aus Zeitgründen nicht. Dabei gäbe es so viele kritische Stellungen zu untersuchen. Es ist 19:45, und Abendessen im Hotel gibt es bis maximal 21:00. Wenn doch diese dämliche Busfahrerei nicht wäre!

Die Schweden Emanuel Berg und Pontus Karlsson, letzterer dunkelhäutig, sind bereits aufs Taxi umgestiegen. Das wäre doch ein Job für mich! Den Weg von Opatija nach Rijeka und zurück würde ich auch ohne kroatische Ortskundeprüfung finden! Immerhin ergattere ich einen Sitzplatz im Bus und verkürze die Zeit durch Schmökern in einem der Schachmagazin 64 Hefte.

Nach den kulinarischen Wonnen ist „Studium der Auslosung“ angesagt. Ich muss gegen den ersten Kroaten in diesem Turnier antreten: mit Schwarz gegen Damir Mihalinec (2232). Laut Database spielt auch er 1. e4, aber wie die ersten Runden gezeigt haben, darf man sich nicht blind auf die Datenbank verlassen. Ich bin guten Mutes und habe mir zum Ziel gesetzt, erstmals mit Schwarz zu punkten!

Bis um 0:30 sehe ich mir Französisch-Partien an und analysiere meine heutige Partie ausgiebig. Rybka verrät mir, dass Ofstad mein Springeropfer durchaus annehmen hätte können, wonach er auf Gewinn gestanden wäre. Beide Spieler übersahen die vorhandene Verteidigungsressource. Später gab es für mich drei (!) Gelegenheiten, relativ simpel zum Erfolg zu kommen. Ein weiterer Bauerngewinn war möglich, und mit zwei verbundenen Freibauern auf der a- und b-Linie wäre die technische Umsetzung selbst für mich einfach gewesen. Die Zeitnot trug zu ziemlich krasser Schachblindheit bei. Trotzdem bin ich insgesamt doch zufrieden, denn wie geschildert, hätte ich viel früher recht schnell verlieren können. 0,5 aus 3.

Dienstag, 09.03.2010:
Großmeister David Howell scheint Frühaufsteher zu sein. Um kurz nach 8:00 kommt er mir bereits vom Frühstückssaal entgegen. Nach Obst- und Müsliorgie recherchiere ich wieder einige Details im Internet. Danach wird das Tagebuch aktualisiert, und ich kümmere mich endlich um die Kamera. In 20 Minuten ist das Problem gelöst. Der Blendenring war in Verbindung mit dem Blitzgerät in der falschen Position. Ab 11:00 steht Französisch-Theorie mit Buch und Brett auf dem Trainingsplan.

Wenn das so weitergeht, habe ich nach diesen zwei Wochen den Fischbestand der Adria ganz alleine weggefuttert! Heute sind es geschätzte 10-15 kleine Sardinen zur Vorspeise sowie drei große Scheiben gegrillter Thunfisch.als Hauptgang. Trotz all der Verlockungen achte ich stets darauf, nicht zu fett und auch nicht zu viel zu essen. Gemüse, Salat und Obst steht regelmäßig auf meinem Speiseplan. Auf süße Nachspeisen verzichte ich grundsätzlich. Da bin ich ganz Asket!

Heute habe ich genug Zeit für eine ausgiebige Siesta, was nach einer relativ kurzen Nacht dringend nötig ist. Beim täglichen Gang zum Bus fühle ich mich blendend. Vor Rundenbeginn erfolgt eine längere Ansage der Turnierleitung. Es gibt zahlreiche Beschwerden aus der Teilnehmerschaft, die „Null-Toleranz-Regel“ betreffend. Nach der zweiten Runde wurden fünf Spieler genullt, weil sie bei Freigabe der Runde nicht am Brett saßen. Sie hatten den letzten Bus in Rijeka bestiegen, der erst wenige Minuten vor 15:30 vor der Halle eintraf. Die Verspätung betrug tatsächlich nur einige Sekunden, was der Turnierleitung zur Nullung reichte. Das ist eine Farce!

Die Ablehnung der Regeländerung (bis zu 30 Minuten Toleranz) wird damit begründet, dass man laut Statuten nach drei gespielten Runden die Regeln nicht mehr ändern kann. Dies trübt die allgemein gute Stimmung, denn ansonsten passt alles. Die Kroaten haben keine Kosten und Mühen gescheut, ein perfektes Turnier auf die Beine zu stellen. Alle 566 Teilnehmer sowie Funktionäre, Trainer und Betreuer haben in der riesigen Halle reichlich Platz, auch die Patzer spielen an edlen Holzbrettern mit neuen Holzfiguren, im Foyer gibt es kostenlosen Internetzugang, und die Teilnehmer können frei wählen zwischen verschiedenen Teesorten, Kaffee und Mineralwasser.

Der Ergebnisdienst ist erstklassig. Drinnen und draußen gibt es je einen großen Bildschirm mit den aktuellen Paarungen. Ist eine Partie beendet, steht das Ergebnis wenige Minuten später in der Liste. Auf zwei großen Leinwänden ist jeweils die Spitzenpaarung bei den Herren und den Damen zu sehen. Die Partien an den ersten fünfzig (!) Brettern werden live ins Internet übertragen! Im ersten und zweiten Stock stehen ausreichend Analysebretter zur Verfügung, die Garderobe wird den Teilnehmern von äußerst charmanten und attraktiven Mädels abgenommen, und ein Sicherheitsdienst sorgt im Eingangsbereich dafür, dass den Superhirnen nichts passiert.


Den Gesamtpreisfonds kann man getrost als üppig bezeichnen. 120.000,- Euro bei den Herren und 60.000,- Euro bei den Damen sind ausgelobt! Hinzu kommen 15 Spezialpreise bei den Herren sowie 10 bei den Damen. Diese Spezialpreise werden nicht wie bislang üblich in Ratingkategorien verteilt, sondern nach einem relativ neuen System vergeben, das auch schon in Gibraltar angewendet wurde. Demnach spielt die erreichte Punkteanzahl im Turnier überhaupt keine Rolle. Vielmehr zählt die einfache Formel „Leistung im Turnier abzüglich aktueller ELO-Zahl“. Hier habe also auch ich gute Chancen, sogar deutlich bessere als Spieler mit einer hohen aktuellen ELO. Bei den Herren qualifizieren sich die ersten 23 Spieler für den nächsten Weltcup. Das setzt ein Ergebnis von „+4“ voraus, was 7 ½ Punkten entspricht. Das ist eine knallharte Auslese.

Obwohl Kroatien eine traditionelle Schachnation ist, sehe ich nur ganz vereinzelt Personen mit einer Besucherakkreditierung. Das ist gleichermaßen überraschend wie schade, und so sind wir Schächer wieder einmal fast unter uns.

Die heutigen Autogramme stammen von Denis Khismatullin (RUS, 2657), Artyom Timofeev (RUS, 2655), Ernesto Inarkiev (RUS, 2667), Igor Kurnosov (RUS, 2655) sowie den Brüdern Sergei und Andrej Zhigalko (2648 und 2587, aus Weißrussland). Inarkievs Eltern waren glühende Verehrer von Ernesto „Che“ Guevara, des charismatischen kubanischen Revolutionärs. Deshalb gaben sie ihrem Sohn den spanischen Vornamen Ernesto! Sachen gibt`s…

Damir Mihalinec, ein Mittdreißiger mit weißem Hemd, dunkelblauem Pollunder und offenem, sympathischem Gesicht sitzt mir gegenüber und begrüßt mich freundlich. Es kommt genau meine vorbereitete Variante dran. Sein 10. Zug passt überhaupt nicht ins System, was ihn wenig später zwei weitere Tempi kostet. Ich aber finde den richtigen Plan nicht! Nach einem weiteren zweitklassigen Zug des Weißen lasse ich eine ausgezeichnete Erwiderung aus, weil ich die relativ simple Taktik nicht sehe. Nach dem 19. Zug ist es bereits aus! Zum ersten Mal bin ich richtig sauer über meine gesammelten Unzulänglichkeiten. Ich beschimpfe mich innerlich selbst: Dilettant, Amateur, Nichtskönner!

Nach der gemeinsamen Analyse, die einige meiner Fehler schonungslos aufgedeckt hat, beobachte ich die Analyse der Partie Sergey Movsesian (2709) – Joan-Cristian Chirila (2487). Es ist einfach nur faszinierend, mit welcher Geschwindigkeit Movsesian Varianten aufs Brett schleudert. Damit macht er seinen Gegner genau so sprachlos wie mich! Und es sind keine Allerweltszüge, die er blitzartig aus dem Handgelenk schüttelt. Da sind auch studienartige Verteidigungszüge dabei, die sein Gegner in den diversen Eventualwendungen drin gehabt hätte! Unter anderem sind es diese kleinen Erlebnisse, die mir an einer solchen Veranstaltung so gut gefallen. Ich kann ganz nah am Geschehen teilhaben. Wenig später sitze ich mit zusammengepressten Lippen und verschränkten Armen verbissen im Bus Richtung Opatija. Die heutige Null wurmt mich doch sehr!

Morgen habe ich Weiß gegen einen weiteren Kroaten, Brian Dinter (2124). Es ist der erste Gegner, von dem leider keine Partien in meiner Datenbank zu finden sind. Sein einziges Remis hat er immerhin gegen den Schweizer IM Beat Züger (2425) erzielt. Ich gebe meine heutige Partie ein, worauf mir Rybka in Sekundenschnelle die bereits erwähnten Fehler aufzeigt.

Nach vier Runden gibt es nur noch zwei Spieler mit weißer Weste: Baadur Jobava (GEO, 2695) sowie Bahar Efimenko (UKR 2640). Beim Bundesliga-Wochenende Ende Februar in Mülheim kam Letzterer gegen unser ehemaliges Mitglied und Partieanalysten, IM Stefan Bromberger, nicht über ein Remis hinaus… Eine ganze Reihe weitgehend unbekannter Akteure hat sich überraschend in den Vordergrund gespielt. Spieler wie den titellosen Tamir Nabaty (ISR, 2485), den Weißrussen Nikita Maiornov (2510), IM Jure Skoberne (SLO, 2509), Gergely-Andras-Gyula Szabo (ROU, 2525), oder Konstantin Lupulescu (ROU, 2598) konnte man wirklich nicht in der Spitzengruppe erwarten. Alle weisen 3,5 Punkte auf.

Andererseits gibt es natürlich auch Favoritenstürze. Gleich vier Spieler aus der seltenen Reihe der 2700er finden sich mit 2,5 Zählern im gehobenen Mittelfeld wieder, darunter der Titelverteidiger Evgeny Tomashevsky (2701). Aber auch der zweite der Setzliste, Etienne Bacrot (FRA, 2714), in Gibraltar im Januar noch unter den Punktgleichen an der Spitze, David Navara, der Mann mit den Schlabberhosen, (CZE, 2708) und Alexander Motylev (RUS, 2705) dürften mit diesem Zwischenergebnis kaum zufrieden sein. Meine 0,5 aus 4 sind aber auch nicht gerade die Offenbarung!

Mittwoch, 10.03.10:
Ich beginne mit einem neuen Strategiebuch, mit dem ich mich anlässlich meines guten Abschneidens in Bad Wiessee im November 2009 belohnt hatte. Titel: „Schachstrategie der Weltklasse“. Darin werden in 15 Trainingslektionen die Partien des ehemaligen Spitzengroßmeisters Ulf Andersson aus Schweden untersucht. Mal sehen, ob’s was hilft…

Als ich nach dem Mittagessen aus dem Fenster sehe, traue ich meinen Augen kaum. Der Sturm der letzten Nacht hat schwere graue Wolken heran geweht, die sich nun heftig entladen und zwar in Form von Schnee! Da dachte ich, einer eventuellen Rückkehr des Winters in Deutschland entronnen zu sein, stattdessen verfolgt mich Väterchen Frost bis an Opatijas Adriaküste! Von einer der charmanten Garderobieren erfahre ich, dass dies der erste Schnee seit zehn Jahren in der Region ist. Ein seltenes Fotomotiv! Wenig später warten wir alle fröstelnd im Schneegestöber auf die Busse. GM Baadur Jobava hat eine geöffnete Bierflasche in der Hand und nimmt ab und zu einen Schluck. Ob das die geeignete Vorbereitung auf eine schwere Schachpartie ist?

Auf Wunsch vieler Spieler wurde die Abfahrtszeit von 14:30 auf 14:40 verlegt. Andererseits gibt es die aktuelle Petition an die Organisatoren und die Europäische Schachunion, die von 110 Spielern unterschrieben wurde. Wie passt das zusammen? Hat ein Bus einen Unfall oder einen technischen Defekt, verbleibt noch weniger Zeit, um rechtzeitig am Brett zu sitzen! Übrigens wurde mir die Petition nicht vorgelegt. Ich habe von der Aktion erst auf der Chessbase-Seite erfahren. Wäre ich informiert worden, hätte ich mit Sicherheit ebenfalls unterschrieben! Speziell in einem Fall wie hier in Rijeka, wenn die Spieler mit Bussen aus einem anderen Ort transportiert werden, ist eine differenzierte Regelauslegung dringend geboten. Aber es wird strikt nach Statut entschieden.

Mangels vorhandener Partien meines heutigen Gegners gehe ich unvorbereitet, aber doch guten Mutes ans Werk. Brian Dinter dürfte Mitte bis Ende 30 sein. Er ist schlank, fast dünn und trägt einen kurzen Kinnbart. Meine allgemeine Textilkritik straft er Lügen. In einem edlen Nadelstreifenanzug samt weißem Hemd und lilafarbener Krawatte sitzt er mir gegenüber!

Nach wenigen Zügen entsteht eine undefinierbare Eröffnung, eine Mischung aus Caro-Kann Vorstoßvariante und Moderner Verteidigung. Ich muss vom ersten Zug an nachdenken, um eine gute Aufstellung zu finden und kann mich nicht auf bewährtes Wissen stützen. Das kostet viel Zeit und Energie. Meine Züge 9 und 10 sind suboptimal, aber auch der Gegner schätzt die Lage falsch ein. Er kompliziert die Stellung im Zentrum derart, dass mir phasenweise der Überblick verloren geht. Wir behandeln beide mehrfach die Position falsch. Am Ende dieser Scharmützel stehe ich zwar mit einem Mehr-Doppelbauern, aber mit deutlich schlechterer Stellung da. Er ist voll entwickelt. Bis auf einen Turm üben seine Figuren unangenehmen Druck aus. Mein König steht noch in der Mitte, und ich suche vergeblich nach guten Feldern für meine Figuren.

Er steht klar besser, aber mit umsichtiger Verteidigung und Rückgabe des Mehrbauern kann ich entscheidenden Nachteil vermeiden. Nach und nach entlaste ich mich durch Abtausch seiner besten Figuren. Nach diesen Vereinfachungen fällt es mir leichter, schneller zu spielen, um den Zeitdruck nicht zu groß werden zu lassen. Kurz vor der Zeitkontrolle entsteht ein Turmendspiel mit einem Minusbauern für mich. Im 39. Zug glaube ich, dass er eine Gewinnfortsetzung ausgelassen hat, was sich bei der nächtlichen Analyse bestätigt.

Er gewinnt zwar einen zweiten Bauern und hat nun drei Bauern gegenüber einem von mir, aber durch geschickte Verteidigung, gestützt durch mein Wissen, dass ein einzelner Randbauer bei entsprechender Königstellung der verteidigenden Seite nicht gewinnen kann, gelingt es mir, genauso zu spielen, dass zwangsweise eben dieser h-Bauer übrig bleibt. Wohl aus Frustration darüber, dass er diese theoretische Stellung nicht gewinnen kann, quält er mich noch 27 Züge lang. Aber ich bleibe ganz ruhig und führe die korrekten Verteidigungszüge sicher aus. Nach 76 Zügen und viereinhalbstündiger Verteidigungsschlacht sieht er es endlich ein und akzeptiert die Punkteteilung.

Dieses Remis war zugegebener Maßen glücklich, aber mit eisernem Willen hart erkämpft. Meine Bemühungen wurden letztlich belohnt, und an verschiedenen Stellen habe ich gesehen, dass er eben auch nicht immer richtig lag. Deshalb ist das Ergebnis meines Erachtens verdient. Mit meiner niedrigen Zahl von 1877 spielt jeder
konsequent auf Gewinn. Niemals kann ich auf eine frühere Punkteteilung aus Respekt hoffen. Ich muss mir jeden halben Punkt ganz hart erarbeiten.

Ich staube noch ein Autogramm des Ungarn Ferenc Berkes (2659) ab und treffe um 21:00 abgespannt, aber zufrieden im Hotel ein. Nach dem Essen drücke ich mich bis 22:15 in der Hotelhalle vor dem Computer herum, um auf die Auslosung zu warten. Ein Ergebnis fehlt noch in der langen Liste, warum auch immer. Schließlich erschöpft sich meine Geduld, und ich trolle mich ohne Gegnerinformation aufs Zimmer. Bis um 01:33, also mehr als drei Stunden, beschäftige ich mich intensiv mit der heutigen Partie!

Mit dem Zwischenergebnis von 1 aus 5 bei einem Gegnerschnitt von stolzen 2275 bin ich zufrieden. Ich hoffe, dass ich dieses Niveau auch in der zweiten Turnierhälfte halten kann. An der Spitze tummeln sich vier Spieler mit je 4,5 Zählern: Artyom Timofeev (2655, RUS), Baadur Jobava (GEO, 2695), Zahar Efimenko (2640, UKR) sowie Liviu-Dieter Nisipeanu (2661, ROU), einer der Ex-Europameister. Weiß der Geier, wie der arme Kerl zu diesem Vornamen kam!

Donnerstag, 11.03.10:
Der Schnee ist weitgehend liegen geblieben. Ich greife die Kamera und lichte diesen seltenen Moment vom Balkon aus verschiedenen Blickwinkeln ab. Der zweite Computer im Hotelfoyer funktioniert wieder. Endlich hole ich mir die Information, die mir die ganze Nacht gefehlt hat! Mein Gegner heißt Schweitzer, ist aber Ösi! Seinen bisher einzigen Punkt hat er gegen einen ELO-losen Kroaten geholt. Die übrigen Gegner waren eine Nummer zu groß für ihn. Seine ELO beträgt 2081. Ich werde einen neuen Anlauf unternehmen, endlich etwas Zählbares mit Schwarz herauszuholen.

Immerhin sind in der Datenbank 12 Partien mit Weiß von ihm vorhanden, allerdings sieben davon mit 1. Sc3. Die weiteren fünf hat er mit 1. e4 begonnen. Nun muss ich mich also mit so einem Käse wie 1. Sc3 herumschlagen. Reine Zeitverschwendung! Aber es ist besser, vorher etwas Zeit zu investieren als in der Partie dann ratlos dazusitzen. Eine der vorhandenen Partien hat es mir sehr angetan. Der Schwarze hat ihm dieses dubiose 1. Sc3 so dermaßen um die Ohren gehauen, dass ich mir diesen Aufbau bis zum 12. Zug gerne einpräge!

Am Brett erfolgt dann allerdings 1. e4! Es entsteht ein Tarrasch-Franzose mit einer scharfen weißen Fortsetzung im 9. Zug. Vor Jahren habe ich mir diese Variante mal angesehen, bin mir nun aber nicht mehr sicher, wie ich das am besten behandeln soll. Ich wähle eine „sichere“ Fortsetzung, die ein Qualitätsopfer samt Rochadeverlust beinhaltet, von der Theorie aber mit Ausgleich bewertet wird. Er verschmäht aber die Qualität und setzt „normal“ fort. Es entwickelt sich ein zähes Ringen um kleine Vorteile. Beide Spieler verbrauchen eine Menge Bedenkzeit, denn das Brett ist voller Figuren, und es gibt naturgemäß eine Vielzahl von möglichen Fortsetzungen. Ich beiße mich richtig in die Partie hinein, denn heute will ich endlich mit Schwarz punkten!

Lange Rede, kurzer Sinn, die Zeitkontrolle schaffen wir gerade mal so, und auch die restliche halbe Stunde, die jeder Spieler zur Verfügung hat, geht langsam zur Neige. Mittlerweile ist für mich ein haushoch gewonnenes Turmendspiel mit zwei verbundenen Freibauern am Damenflügel entstanden. Längst führen wir unsere Züge im Blitztempo aus. An einer Stelle hat der Ösi Schweitzer noch 36 Sekunden auf der Uhr, ehe er durch mehrmalige schnelle Zugfolgen sein Zeitkonto wenigstens auf ein paar Minuten aufstocken kann. Im 73. Zug biete ich selbstsicher Turmtausch an, dem er mittels eines Schachgebots ausweicht. Ich gehe mit meinem König einen Schritt zur Seite, worauf er aufgibt! Einer der Schiedsrichter, der die Schlacht mit verfolgt hat, weist sofort darauf hin, dass Turmtausch remisiert hätte! Jeder von uns hätte einen Freibauern zur Dame verwandelt, und es wäre ein stark remisverdächtiges Damenendspiel entstanden.

Der arme Österreicher fällt aus allen Wolken und tut mir wirklich leid! Wie heißt es so schön: Der vorletzte Fehler gewinnt! Und den habe in diesem Fall ich gemacht. Nach 5 ¼ Stunden bin ich total erledigt, aber überglücklich über meinen ersten Sieg! Erst langsam kehre ich geistig wieder in die reale Welt zurück. Ich bin kaum fähig, die Partieformulare zu signieren, so zittrig ist meine rechte Hand. Meine Notation der Züge gleicht der eines Greises! Ich sehe mich um – es ist niemand mehr da! In der riesigen Halle herrscht gähnende Leere. Ich hatte die längste Partie des Tages, und so fühle ich mich auch!

Um 21:00 fährt der letzte Bus Richtung Opatija ab. Schnell noch auf die Toilette, denn dass ich aufs Klo muss, habe ich in diesem Zeitnotgemetzel schlicht verdrängt! Per Zufall komme ich mit dem bulgarischen GM Alexander Delchev (2637) ins Gespräch. Im Bus erzählt er mir, dass er daran denkt, künftig mehr und mehr als Schachtrainer zu arbeiten, weil das Feuer und die Energie in ihm nachgelassen hat, das man unbedingt braucht, wenn man auf Dauer Erfolg im Spitzenschach haben will. Er nennt mir diverse Namen seiner Schüler und deren Erfolge. Wir tauschen E-Mailadressen aus. Wenn die Konditionen passen, werde ich vielleicht sein Schüler! Er macht mir ein Open Anfang Oktober 2010 in der Nähe von Sofia schmackhaft. Die Umgebung soll reizvoll, die Preisgelder hoch und die Kosten niedrig sein.

Beim Abendessen sucht GM Henrik Danielsen, der gebürtige Däne und Auswanderer nach Island, Gesprächskontakt mit mir. Sein Deutsch ist ausgezeichnet. Wir unterhalten uns sehr angeregt, und er erzählt mir ungewöhnlich offen allerlei Geschichten aus seinem bisherigen Leben. Trotz der fortgeschrittenen Stunde gibt es zum Glück noch genug zu essen. Die Information, ab 21:00 sei der Speisesaal geschlossen, ist zum Glück falsch. Bis kurz vor 23:00 sitzen wir in dem großen Saal.

Selbst danach kann ich die Auslosung für die siebte Runde nicht abrufen, denn im Damenturnier gibt es einen Streitfall, der am Abend vom Schiedsrichterausschuss beraten und entschieden werden muss. Zwecks Gleichbehandlung beider Turniere wird deshalb die Auslosung des Männerturniers zurückgehalten.

Heute wurden alle Teilnehmer von den Organisatoren mittels Eintrittskarte zu einer „Players Party“ am morgigen Freitagabend eingeladen. Ab 22:00 wird man sich in der Hemingway Bar treffen. Ein Drink ist frei. Grund genug, wenigstens mal herein zu schnuppern. Immerhin springen hier genügend attraktive Osteuropäerinnen herum!

Außerdem werden für den spielfreien Samstag vier verschiedene Bustouren mit Führung in die Umgebung angeboten. Eine davon werde ich wahrnehmen, denn der Preis ist mit 14,- Euro äußerst günstig.

Wieder kann ich auf meinem Zimmer nicht widerstehen, meine Partie noch einzugeben und bis tief in die Nacht zu analysieren. Das einzige, worüber ich mich freue, ist der Punkt. Die Qualität der Partie jedoch ist unterirdisch! Jeder der beiden Spieler hätte ungefähr achtmal gewinnen können. Das ist schon fast peinlich und erinnert mich an meine Zeit als Jugendleiter in den achtziger Jahren, als bei meinen Zöglingen die Gewinnmöglichkeiten von Zug zu Zug wechselten!

Egal, der Punkt ist im Sack, und mit meinen 2 aus 6 bin ich punktgleich mit sage und schreibe sechs Internationalen Meistern und neun FIDE-Meistern. Das kann sich sehen lassen! Bis jetzt habe ich eine Leistung von 2117 gespielt, was eine Verbesserung um 17 ELO-Punkte bedeutet. Meine aktuelle Wertung, bezogen auf den Spezialpreis lautet also 240. (2117 abzüglich 1877)


Freitag, 12.03.10:
Noch vor dem Frühstück informiere ich mich über meinen heutigen Gegner. Es ist der dritte Kroate. Zu meiner Überraschung ist es der erste Spieler mit einer Zahl unter 2000. Jetzt darf ich aber keineswegs übermütig werden, denn ich kann bekanntlich gegen jeden ganz schnell verlieren. Außerdem hat er immerhin knapp 100 Punkte mehr als ich! Ich überprüfe nochmals einige französische Nebenvarianten und bringe mein Tagebuch auf den aktuellen Stand. Die Vorbereitung auf Bozo Zrilic (1968) hat sich in fünf Minuten erledigt. Es gibt von ihm lediglich zwei Schwarzpartien auf der Database. Wenigstens weiß ich nun, dass er Sizilianisch spielt. Gehaltvollere Informationen spuckt die Kiste leider nicht aus.

Das Wetter hat sich übrigens gemausert. Die Schneeschicht ist komplett weggeschmolzen, und sogar die Sonne zeigt sich etwas. Gute Aussichten also auf den morgigen Ausflugstag. Ich schaue mir noch 25 bis 30 Sizilianisch Partien von der Database an (ECO-Code B60-B69), und dann ist der Vormittag auch schon wieder vorbei. Heute nehme ich die Kamera mit, um ein paar Außen- und Innenaufnahmen von der Halle in Rijeka zu machen.

Von einer der Hallenassistentinnen erfahre ich, dass die zunächst angebotenen Busausflüge für den morgigen Ruhetag mangels Interesse abgesagt wurden. Von weit mehr als fünfhundert Teilnehmern wollte sich kein einziger dafür anmelden! Schachspieler/Innen können doch sehr eindimensional sein. Meine Aufnahmen beende ich um 15:24, um rechtzeitig am Brett zu sitzen. Die Wege in der riesigen Halle sind weit.

Ausgerechnet heute gibt es eine rund fünfminütige Verspätung. Es erfolgt die Ansage, dass einer der Busse knapp dran ist und einige Minuten Verspätung hat. Zudem wird von dem Problemfall des Vortages berichtet, weswegen die Auslosung für die siebte Runde so spät erfolgte.

Manche der Uhren springen bereits nach dem 39. Zug auf die zusätzlichen dreißig Minuten um und nicht erst nach dem vierzigsten, wie es sein müsste. Dies führte in einer Damenpartie zu Konfusionen. Eine der Spielerinnen führte deshalb versehentlich nur 39 Züge aus, wodurch sie vom Schiedsgericht genullt wurde, eine Entscheidung, die man nur schwer nachvollziehen kann. Warum wird man genullt, wenn die Technik streikt?

In der Ansage werden alle Teilnehmer dazu aufgefordert, sofort die Uhr anzuhalten und einen Schiedsrichter herbeizurufen, falls die Uhr wiederum nach dem 39. Zug umspringt. All dies wird dreisprachig verkündet, auf Englisch, serbokroatisch und russisch.

Ich sitze einem älteren, rundlichen Kroaten gegenüber, der weder ein Wort Englisch noch deutsch spricht. Die Uhren werden wie üblich von den Schiedsrichtern in Gang gesetzt, aber plötzlich kommt Unruhe auf. Anatoly Karpov ist zu Besuch und schreitet an den Tischen entlang, Richtung Hallenausgang. Dicht um ihn herum springen mehrere Fotografen und kämpfen um jeden Quadratzentimeter, um die beste Perspektive für ihre Fotos zu ergattern!

Der Spuk ist schnell vorüber. Für mich ist es nicht eine so große Sensation. Immerhin habe ich Karpov auf einer Pressekonferenz während der Schacholympiade in Dresden 2008 zu seinen Ambitionen als FIDE-Präsident befragt (ich berichtete), und im Herbst 1989 saß ich mit ihm und anderen Großmeistern in den Schweizer Bergen bei San Bernardino auf einer Lichtung beim Picknick!

Zurück zur siebten Runde: Es entsteht ein Rossolimo-Sizilianer, den ich in dieser Form noch nie auf dem Brett hatte. Schon lange wollte ich es einmal mit der Bauernstruktur d3, e4 und f4 spielen, wobei der Königsturm nach der Rochade auf f1 verbleibt. Wie sich später bei der nächtlichen Analyse herausstellt, mache ich ungewöhnlich viele Züge, die auch der Computer vorschlägt, das heißt, ich behandle die Stellung richtig. Für diese korrekte Einschätzung brauche ich aber viel Zeit, worauf der Zeitdruck dramatisch anwächst. Nur ein Leichtfigurenpaar ist getauscht. und ich muss ziehen.

Die Stellung ist noch im Gleichgewicht, als ich mit der Dame auf ein Feld tappe, das sich als tödlich erweist. Ein Blitz aus heiterem Himmel schlägt ein, und drei Züge später bin ich matt! So drastisch wurde ich selten überfallen! Ich habe noch jede Menge Energie und Konzentrationsfähigkeit gespeichert, die ich nun nicht mehr einsetzen kann. Stumm und unter Schock unterschreibe ich die Partieformulare.

Die Analyse mit meinem Gegner ist auf Grund der Sprachprobleme so ergebnislos wie selten. Ab und zu brabbelt jeder etwas in seiner Sprache dahin, ohne dass der andere es versteht. Ein paar Eventualwendungen kommen zwar aufs Brett, aber die bringen auch keine Erleuchtung.

Da es trotz „Analyse“ erst kurz vor 19:00 ist, beschließe ich, noch ein wenig Turnieratmosphäre zu genießen und schaue mir einige der noch laufenden Großmeisterpartien an. So wirklich Prickelndes ist leider nicht dabei. Alle zerren irgendwelche zähen Turm- oder Leichtfigurenendspiele übers Brett. Immerhin kann ich einmal mehr beobachten, wie ruhig, fast kalt die Profis trotz äußerst knapper Zeit spielen. Einige haben nur noch drei bis fünf Minuten auf der Uhr, und pro Zug kommen lediglich die dreißig Sekunden Zeitgutschrift hinzu. Unter diesen Bedingungen ist es ein Wunder, wie gut sie die schweren Endspiele behandeln.

Kurz vor der Rückfahrt ergattere ich noch ein Autogramm von Ivan Sokolov (BIH, 2638), das er nur allzu gern gibt, da er soeben gegen Fabiano Caruana (ITA, 2680) gewonnen hat. Er teilt mir mit, dass er daheim ebenfalls über eine sehr wertvolle Autogrammsammlung verfügt. Dann bin ich mit meiner Liebe für Unterschriften doch nicht ganz allein! Sokolov ist übrigens vor Kurzem zu seinem Heimatverband Bosnien-Herzegowina zurück gekehrt. Einige Jahre lang war er für die Niederlande an den Start gegangen.

Als Nachtrag zum Thema Autogramme füge ich an dieser Stelle eine Anekdote ein, die sich im Januar beim Gibraltar Masters zugetragen hat. Der Veranstalter hatte den in Paris lebenden Ex-Weltmeister Boris Spasskij ins Hotel Caleta nach Gibraltar eingeladen. Anfangs dachte ich, er würde einen der russischen Großmeister coachen. Dem war aber nicht so. Spasskij ließ sich einfach nur den Bauch pinseln, plauderte in der Lounge und schlich während der Runden mit seinen unsagbar spießigen kamelhaarfarbenen Hausschuhen um die Bretter. Auch bei den Patzern im Keller ließ er sich regelmäßig blicken.

Als der silberlockige Pantoffelheld mal wieder in der Nähe der Bar mit einem Russen Smalltalk hielt, wollte ich die Gelegenheit nutzen, ihm ein Autogramm abzuringen, doch zu meiner großen Überraschung verweigerte er mir dies! Er meinte nur, dass ein Bild mit ihm jederzeit möglich sei, aber keine Unterschrift. Im ersten Moment war ich perplex, aber ich fand sofort die Sprache wieder und fragte nach: „Gibt es dafür einen bestimmten Grund?“ Seine Antwort, während er freundlich lächelte, lautete: „I don’t like to give you any credit!” Eine klarere Ansage gibt es nicht. Ich zog mich zurück und dachte: „Du kannst mich damit überhaupt nicht treffen, denn ich habe von Dir bereits 1979 beim GM-Turnier im Hotel Hilton-Tucherpark in München ein Autogramm ergattert - ÄTSCH! Damals hatte ich offenbar noch mehr Kredit! Weil die Gelegenheit günstig schien, wollte ich ein aktuelles Autogramm in einem repräsentativeren Buch haben. Aber ich kann auch mit seiner Unterschrift von 1979 sehr gut leben!

Ich nehme den 20:30 Bus zurück nach Opatija und muss stehen. Das passt zum heutigen Tag. Auf der Fahrt entscheide ich, abends doch nicht zu der Spielerparty zu gehen. Die geht erst um 22:00 los, und außerdem stünde mir ein mindestens zwanzigminütiger Fußmarsch in der Dunkelheit bevor. Und mitten in der Nacht müsste ich wieder zurück. Zudem mag ich es nicht, mir sinnlos die Nacht um die Ohren zu schlagen. Ich bin überhaupt nicht in der Stimmung, mir das anzutun. Also verbleibt nur die unangenehme Pflicht, mich mit meiner Verlustpartie zu beschäftigen. Wenn ich wenigstens die Anzahl der groben Fehler reduzieren könnte, die sofort die Partie kosten, wäre schon einiges erreicht. 2 aus 7.

Samstag, 13.03.10:
Morgens um kurz vor sechs Uhr trudeln die restlichen Nachtschwärmer im Hotel ein und lärmen ungehemmt im Gang vor meinem Zimmer. Lautes russisches Stimmengewirr, vermischt mit Gelächter, dringt an meine Lauscher. Zum Glück ist der Spuk nach einigen Minuten vorbei, aber nun bin ich wach. Ich falle zwar noch mal ins Land der Träume zurück, aber so richtig erholsam ist das nicht mehr. Zum Glück ist heute keine Runde.

Als ich vom Frühstück zurück aufs Zimmer will, läuft mir GM Henrik Danielsen über den Weg. Ich leiste ihm Gesellschaft, und da er nach der Nahrungsaufnahme noch mehr über mich erfahren will, lädt er mich auf eine weitere Portion Tee in der Hotellounge ein. Um 10:30 werden wir nämlich freundlich des Frühstückssaals verwiesen! Erst gegen 12:00 trennen sich unsere Wege. Er muss morgen gegen einen der zahllosen starken Russen mit über 2600 ELO antreten, und darauf will er sich nachmittags vorbereiten.

Mein Gegner in der 8. Runde trägt den typisch österreichischen Namen Boban Bozinovic! Wie ich hörte, ist er vor mehr als zwanzig Jahren in die Alpenrepublik ausgewandert. Er hat eine ELO von 2086. Ich sehe mir seine bisherigen Gegner an und konstatiere, dass ich bei gutem Spiel durchaus eine Chance habe. Es dauert eine Weile, bis ich herausfinde, dass es in der Datenbank zwei Spieler mit diesem Namen gibt! Der eine spielt 1. d4, der andere 1. e4. Ich orientiere mich an den ELO-Zahlen und glaube, dass „meiner“ 1. e4 zieht. Leider gibt es von ihm nur wenige Französisch-Partien mit Weiß und nur eine mit einer Variante, die ich spiele.

Beim Schreiben des Tagebuches sehe ich auf die Uhr und stelle mit Schrecken fest, dass es schon nach 14:00 ist. Ich habe vergessen, zum Mittagessen zu gehen! Sofort stürze ich aus dem Zimmer Richtung Speisesaal ins Erdgeschoss und stelle erfreut fest: Es ist noch Suppe da! Und noch viel mehr….

Gestärkt pflanze ich mich an einen der Internet-PCs im Hotel und frage mein E-Mail-Postfach ab. Es gibt Absagen bezüglich des wichtigen Mannschaftskampfes am 21.3. in Deggendorf. Derlei Hiobsbotschaften bin ich als Mannschaftsführer fast schon gewohnt. Ich beantworte die meisten der erhaltenen E-Mails, wofür ich fast zwei Stunden brauche. Im Zimmer setze ich meine schachlichen Aktivitäten mit großer Begeisterung fort. Vielleicht sollte ich mir den Wecker stellen, damit ich das Abendessen nicht vergesse! Um 23:45 sind alle Schachmagazine aufgearbeitet, eine weitere DVD angeschaut und das zweite Kapitel im Andersson Strategiebuch gelesen. Dieser Tagesablauf erinnert mich an einen Schachbuchtitel, der da lautet: „Ein Leben für das Schach!“

Sonntag, 14.03.2010:
Auf der offiziellen Homepage des Turniers www.eurorijeka2010.com lese ich, dass Anatoli Karpov am Freitag anlässlich seines Besuches eine äußerst positive Nachricht verbreitet hat. Nun will er doch für das Amt des FIDE-Präsidenten kandidieren! Mehrere Jahre lang konnte er sich zu diesem Schritt nicht entschließen. Ein Mann mit seiner Reputation und seiner Bekanntheit rund um den Globus würde der FIDE mehr als gut tun. Dann würden endlich Leute wie der bisherige Präsident Kirsan Iljumshinov, der Grieche Makropoulos und weitere dubiose Figuren aus dem inneren Zirkel der FIDE entfernt und durch seriöse Personen ersetzt werden.

Eine der dringendsten Aufgaben wäre es für Karpov, das miserable Image der FIDE aufzupolieren. Außerdem würde er dafür sorgen, dass endlich wieder ein verlässlicher WM-Zyklus mit Kandidatenmatches eingeführt würde, so wie es Jahrzehnte lang zur Zufriedenheit aller gewesen ist.

Im Zimmer setze ich meine Schacharbeit fort. Auf dem Trainingsplan steht Jacob Aagaard: „Verbessern Sie Ihr Schach!“ Der gebürtige Däne ist nicht nur meiner Meinung nach einer der besten Schachbuchautoren überhaupt. Studiert man seine Bücher, profitiert man garantiert davon.

Zum Glück ist heute wieder eine Runde. Ich habe fast schon Entzugserscheinungen und bin so richtig gierig nach dem Punkt! Ich strotze vor Kraft und verzichte mit Leichtigkeit auf das Ruhen nach dem Essen.

Heute ist die Autogrammausbeute wieder etwas höher: Evgeni Vorobiov (RUS, 2616), Nidjat Mamedov (AZE, 2623), Pavel Tregubov (RUS, 2625), Viktor Laznicka (CZE, 2659) und das ELO-Schwergewicht Viktor Bologan (BIH, 2684) tragen sich bereitwillig in mein Buch ein. Meine gesamte Sammlung hat mittlerweile einen beachtlichen Umfang von weit über 150 Großmeistern erreicht und stellt einen hohen ideellen Wert dar. Darunter finden sich die Ex-Weltmeister Mikhail Botwinnik, Boris Spasskij (heute FRA, damals URS), Garri Kasparov und Anatoli Karpov, der amtierende Weltmeister aus Indien, Viswanathan Anand, der zweifache Vize-Weltmeister Viktor Korchnoi (heute CH, bis 1976 URS), Magnus Carlsen (NOR), der Weltranglistenerste und wohl künftige Weltmeister, Wassili Ivanchuk (UKR), Weselin Topalov (BUL), Levon Aronian (ARM), Teimur Radjabov (AZE), Peter Leko (HUN), Michael Adams (GB), Vugar Gashimov (AZE), Ulf Andersson (SWE), Lajos Portisch (HUN) und viele andere mehr.

GM Nigel Short, der seit vielen Jahren in Griechenland lebt, ist anlässlich einer Sonderversammlung der Europäischen Schachunion direkt aus Hamburg angereist, wo er bei der Firma Chessbase eine DVD aufgenommen hat. In Rijeka tritt er als Delegierter für den englischen Schachverband auf. Dabei hat er bestimmt keinen Kontakt zu seinem Intimfeind Ivan Cheparinov (BUL) gesucht, der ihm vor etwa einem Jahr bei einem Turnier den Handschlag verweigert hat!

Auch bei der Europäischen Schachunion steht ein Führungswechsel bevor. Der bisherige Präsident, der russische GM Boris Kutin, soll aus Altersgründen ersetzt werden. Bekannt ist, dass der türkische Verbandspräsident Yasici als Nachfolgekandidat antreten will. Völlig überraschend ist jedoch, dass der Manager von GM Weselin Topalov, Danailov, ebenfalls nach diesem Posten schielt!

Bei einer ECU-Sitzung im Frühsommer 2009 wollte der Türke den Ausgang der vorigen Europameisterschaft annullieren lassen, weil sein Land angeblich bei der Vergabe von Turnieren nicht angemessen genug berücksichtigt worden sei! Und Danailovs Klogeschichten beim WM-Match zwischen Topalov und Kramnik in Elista 2006 sind wohl bei uns allen noch in schlechtester Erinnerung. Demokratische Zustände kann man bei diesen Leuten garantiert ausschließen. Das sieht wieder einmal nach der Wahl zwischen Pest und Cholera aus.

Mein korpulenter Gegner hat fast drohend drei Plastikbecher mit Wasser in Reih und Glied aufgebaut. Er scheint mir damit sagen zu wollen: „Im Wasser trinken bin ich Dir überlegen!“ Die Eröffnung behandelt er schwach, was ich leider nur zum Teil ausnutze. Wir spielen beide langsam, was unweigerlich zu einer weiteren Zeitnotschlacht führt. Mehrfach lasse ich ihn entwischen, gerate aber andererseits nie in eine Verluststellung. Nach knapp vier Stunden und erheblicher Vereinfachung führe ich eine Zugwiederholung aus, der er nicht ausweichen kann – Remis. Ich weiß nicht recht, ob ich mich freuen oder ärgern soll. Das wird die Analyse zeigen, der er sich aber leider nicht stellen will. Das ist schade, denn erst das bringt uns schachlich weiter.

Dafür treffe ich GM Henrik Danielsen, der mir drei seiner Partien zeigt, die er bislang in Rijeka gespielt hat, inklusive der heutigen Gewinnpartie mit Schwarz gegen Sergei Azarov (AZE, 2621)! So gut es geht, versuche ich mich zu beteiligen, was angesichts seiner Vorführgeschwindigkeit recht schwer fällt. Dennoch sauge ich jede seiner Bemerkungen und jeden Tipp wie Atemluft auf. Hätte ich tagtäglich ein solches Training, wäre meine Wertungszahl garantiert um 200 Punkte höher!

Die abendliche Analyse zieht sich wieder bis kurz vor Mitternacht und bringt die Erkenntnis, dass ich mit meinem 10. Zug seine Vernichtung schon hätte einleiten können. Auch später hätte es mehrere Male stärkere Fortsetzungen gegeben. An meinem Killerinstinkt muss ich noch arbeiten. 2,5 aus 9.

Montag, 15.03.10:
Irgendwelche fremdländischen Vollidioten unterhielten sich in der Nacht ab 01:30 laut und völlig ungeniert auf dem Gang im 6. Stock und rissen mich aus dem Schlaf. Es dauerte ungefähr eine Stunde, bis ich wieder zur Ruhe kam und meinen Schlaf wie gewohnt fortsetzen konnte. Deshalb öffne ich erst gegen 08:30 die Augen und schrecke wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit hoch. Nach dem Frühstück habe ich E-Mailkontakt mit Alfred und kann insofern aufatmen, als die Mannschaft für Deggendorf am kommenden Sonntag steht. Über das Ergebnis breite ich lieber den Mantel des Schweigens aus.

Über die Auslosung bin ich „not amused“. Ich habe schon wieder Schwarz und werde noch dazu heruntergelost. Mein Gegner ist Deutscher (ELO 2114) und hat lediglich zwei Punkte auf seinem Konto. Eine Partie hat er kampflos verloren. Wie ich später von ihm erfahre, hat er die Runde verschlafen! Der letzte Bus war weg, und für ein Taxi war es auch schon zu spät. Auf der Database sind ausreichend Partien von ihm vorhanden. Er ist Angriffsspieler und hat nicht die geringsten Skrupel vor Bauernopfern. Aber ich weiß schon, wie ich ihn ausbremsen werde! Ob es für etwas Zählbares reicht, wird sich zeigen.

Im Eingangsbereich der Halle macht Sarajevo Werbung für sein 40. Open vom 05.-14.05.2010. Der Preisfonds beträgt beachtliche 109.800,- Euro und ist damit vergleichbar mit dem von Gibraltar (112.500,- Pfund). Wie gerne würde ich auch hier mitspielen, aber da gibt es ja leider Gottes diese materiellen Zwänge. Für Safet nehme ich ein Prospektblatt mit.

Unterschriften gibt’s heute von Bojan Vuckovic, (2630), dem überraschend stark aufspielenden Serben, Juri Drozdovski (RUS, 2627), Mikhail Kobalia (RUS, 2637), Sanan Sjugirov (RUS, 2602), dem eine große Zukunft vorausgesagt wird, Igor Lysyi (RUS, 2615) und Zahar Efimenko (UKR, 2640).

Mein Gegner aus Hamburg (2114) spielt genauso wie von mir erwartet. Er stellt mir insgesamt vier (!) Bauern hin, von denen ich drei bereitwillig einschnaufe. Kurz vor der Zeitkontrolle stehe ich haushoch auf Gewinn. Ich verwende meine restlichen paar Minuten für die Suche nach einem Matt mit Dame und Turm und gehe dafür das Risiko ein, mich selbst auf matt stellen zu lassen, anstatt sichere, risikolose Züge zu machen. Trotz krampfhafter Suche finde ich keinen direkten Gewinnweg. Um das eigene Matt zu decken, habe ich gerade noch eine Lösung parat, die allerdings in ein Dauerschach mündet, das er mir gibt. Rybka zeigt mir später 7,49 Punkte Vorteil an. Es ist zum Mäusemelken!

Dennoch habe ich nach neun absolvierten Runden mein anvisiertes Ziel von drei Punkten bereits erreicht. In den verbleibenden zwei Runden habe ich somit die Chance, dieses Ziel noch zu übertreffen. Die abendliche Auslosung weist mir den Kroaten Ivo Kinez (2138) zu. Er hat Punkteteilungen gegen zwei Internationale Meister erreicht. Das wird wieder schwer…

Nach neun von elf Runden führt einer der Russen aus der jungen Generation, Ian Nepomniachtchi (2656). Heute stößt der 20-jährige den bislang Führenden Baadur Jobava (GEO, 2695) vom Thron, indem er ihn im direkten Vergleich mit Weiß besiegt. Als Einziger hat er 7,5 Punkte erreicht. Dahinter folgen sieben Spieler mit je 7 Punkten: Zahar Efimenko (UKR, 2630), Baadur Jobava (GEO, 2695), Ivan Sokolov (BIH, 2638), Rauf Mamedov (AZE, 2639), Artyom Timofeev (RUS, 2655), Denis Khismatullin (RUS, 2657) und Vladimir Akopian, der zweifache Olympiasieger mit Armenien (2680).

In dieser Liste ist Rauf Mamedov aus Aserbeidschan eine echte Überraschung. Ihn konnte man nicht so weit oben erwarten. Mitfavoriten wie die Buchautoren Andrei Volokitin (UKR, 2687) oder Viktor Bologan (MDA, 2680) sind mit fast kläglichen 5 aus 9 längst abgeschlagen.
IM Kiprian Berbatov (2481), ein 14-jähriger Jungspund aus Bulgarien, macht Furore. Der „dritte Cousin“ (so drückte er sich mir gegenüber aus) des ehemaligen Leverkuseners und jetzigen Stürmers von Manchester United, Dimitar Berbatov, hat nach mäßigem Start gut ins Turnier gefunden und mit vier Siegen hintereinander nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht. Wächst hier ein neuer Topalov heran? Angesichts solcher Talente frage ich mich, warum es nicht auch in Deutschland gelingt, wenigstens ab und zu einen derartigen Nachwuchsstar herauszubringen. Fast nirgendwo gibt es so gute Voraussetzungen wie bei uns. Man müsste den Talenten „nur“ professionelle Trainer zur Seite stellen, aber leider ist das schon zu viel verlangt.

Österreichs Spitzenmann Markus Ragger (2570) hat seinen Bundestrainer als Betreuer an der Seite. Es ist kein Geringerer als der ehemalige Weltklassespieler, der ungarische GM Zoltan Ribli, der verantwortlich für die Herrennationalmannschaft ist. Er stellt seinen Schützling auf jeden Gegner perfekt ein. Das nenne ich professionelle Trainingsarbeit. Dabei wurde Schach in Österreich erst im vorigen Jahr offiziell als Sport anerkannt! Mir ist nicht bekannt, dass der deutsche Bundestrainer Uwe Bönsch oder sonst ein verantwortlicher Trainer des DSB für einen der deutschen Großmeister in Rijeka anwesend ist.

Dienstag, 16.03.2010:
Im Hotelfoyer hängt eine Liste mit insgesamt 32 Teilnehmern aus, die entweder noch kein Startgeld (130,- Euro) oder die allgemeine Organisationsgebühr (70,- Euro), unter anderem für die Bustransfers, bezahlt haben. Die Organisatoren hätten hier meines Erachtens strikter vorgehen sollen. Wer vor Turnierbeginn nicht bezahlt, darf auch nicht mitspielen. Ganz einfach! Jetzt müssen sie dem Geld hinterher laufen. Zum Glück ist das nicht mein Problem.

Das Tagebuch wird auf den neuesten Stand gebracht. Danach widme ich mich meinem Gegner. Ich studiere etwa dreißig Partien mit einer bestimmten Variante und präge mir die diversen Pläne mit Weiß ein. Dieses System wird von vielen Topgroßmeistern gespielt, und heute will ich das erstmals anwenden. Irgendwann muss ich ja mal etwas Neues versuchen.

Bei der Ankunft am Brett finde ich wie alle anderen auch ein Prospektblatt mit der Ausschreibung der EM 2011 vor. Diese wird in Aix les Bains in Frankreich stattfinden. Laut Beschreibung liegt der Ort eingebettet zwischen Bergen und Seen in der Provinz Rhone-Alpes. Nach meinen hiesigen Erfahrungen ist es allemal reizvoll, auch bei der nächsten EM wieder mit von der Partie zu sein.

Ivo Kinez, mein heutiger kroatischer Gegner, sitzt bereits kurz nach 15:00 am Brett und begrüßt mich freundlich. Als Vertreter der älteren Generation – ich schätze ihn auf etwa 55 – spricht er kein Englisch. Ohnehin mache ich mich auf Autogrammjagd. Es unterschreiben Arman Pashikian (ARM, 2652), Bartlomiej Macieja (POL, 2625), Vadim Zviaginsev (RUS, 2643), Evgeniy Najer (RUS, 2667) sowie Jiri Stocek, der junge Tscheche, der ein Bombenturnier spielt und nach der EM definitiv zum Club der 2600er gehören wird.

Um 15:34, als ich mich wie alle anderen in der frühen Eröffnungsphase befinde, klingelt hinter meinem Rücken ein Handy! Der Weißspieler an Brett 191 ist der Unglücksrabe. Nach geschätzten 6,3 Sekunden eilt der Schiedsrichter herbei und beendet pflichtgemäß das Duell der beiden Kroaten. Der „Sieger“, ein Jugendlicher, freut sich sogar noch darüber! Das Schlimmste aus meiner Sicht ist, dass diese „Partie“ auch noch gewertet wird. Schließlich wurden einige Züge gespielt! Hoffentlich wird Karpov auch mit dieser Unsinnsregel aufräumen, wenn er denn ans Ruder kommt.

An meinem Brett kommt die vorbereitete Variante dran, was mir Sicherheit gibt und viel Zeit spart. Durch zwei Ungenauigkeiten im 15. und 16. Zug gerate ich etwas in Nachteil. Die Stellung wird hoch taktisch. Viel Rechenarbeit ist erforderlich. Ich gebe mein Bestes, aber das reicht nicht. Er spielt einfach stärker, und die 261 ELO-Punkte, die er mehr hat, machen sich bemerkbar. Um es deutlich auszudrücken, ich habe überhaupt keine Chance und bin von einer eventuellen Punkteteilung meilenweit entfernt. Wenigstens spielt sich alles ganz ohne Aufregung ab. Zeitnot ist heute kein Thema. Nach genau 40 Zügen strecke ich die Waffen. Er will ebenfalls nicht analysieren, weil er seinem Freund zuschauen muss, der noch spielt. Schade. So kiebitze ich noch bei den laufenden Großmeisterpartien und fahre mit dem 20:00 Bus sitzend gen Opatija.

Nach dem Essen erfolgt wie üblich die ausführliche Partienachbereitung. Meine Vermutungen werden vom allwissenden Computer bestätigt. Da gab es nichts zu holen. Gegen 23:00 strebe ich nochmals vom 6. Stock hinunter in die Hotelhalle, um die Auslosung für die letzte Runde zu sehen. Ich werde gegen einen ukrainischen IM spielen, der allerdings nur eine Zahl von 2124 aufzuweisen hat. Ich vermute, dass es sich um einen älteren Zeitgenossen handelt, der seine beste Zeit längst hinter sich hat. Eine andere Erklärung für diesen außergewöhnlichen Umstand habe ich nicht.

Leider habe ich Schwarz, aber wenn ich mich noch einmal richtig reinhänge und am oberen Limit spiele, kann ich ein gutes Ergebnis schaffen. Ich stelle fest, dass er mit einer einzigen, kümmerlichen Partie auf der Database vertreten ist. Wenigstens gibt mir diese eine Partie Aufschluss darüber, welche Eröffnung vermutlich aufs Brett kommen wird. 3 aus 10.

Mittwoch, 17.03.2010:
Vor dem Frühstück erfolgt ein kurzer Blick ins Internet. Schon einige Tage habe ich mich nicht mehr auf der Chessbase-Seite auf dem Laufenden gehalten. Carlsen mischt die GM-Konkurrenz beim berühmten Amber Turnier in Nizza auf, und der 18-jährige Hamburger Niklas Huschenbeth ist überraschend Deutscher Meister geworden. Dies hat er hauptsächlich deswegen geschafft, weil er im Laufe des Turniers sechs Remisangebote seiner Gegner abgelehnt und stattdessen weitergespielt hat. In mindestens einem Fall tat er dies trotz eines Minusbauern im Endspiel! Das zeigt, dass sich Kampfgeist lohnt. Er trotzte erfolgreich der unsäglichen Remisschieberei!

Vormittags sehe ich die Eröffnung an, die heute Nachmittag hoffentlich drankommen wird. Außerdem studiere ich einige Varianten von den Chessbase-Magazin DVDs, die ich dabei habe. Es gibt unendlich viel hochinteressantes Material!

In der Halle erstehe ich meine beiden letzten Autogramme. Vor allem auf die Unterschrift von Alexander Motylev (RUS, 2705) war ich spitz. Damit habe ich sämtliche ELO Hochkaräter dieses Turniers in meinen Büchern verewigt! Als Dreingabe signiert noch der kleine Maxim Rotshtein (ISR, 2609), ein ehemaliger Jugend-Weltmeister. Im Vorraum treffe ich den Turnierorganisator Laszlo Nagy, der aus Budapest gekommen ist, um für seine legendären „First Saturday Turniere“ zu werben. Im September könnte es endlich so weit sein. So ein Rundenturnier hat schon seinen Reiz!

Ein letztes Mal geht es an die Bretter. Ein letztes Mal vernehme ich die Stimme des Hauptschiedsrichters, ein letztes Mal hole ich meine „Schachbrille“ samt Turnierkugelschreiber hervor und sehe den glatzköpfigen, schmächtigen Schiedsrichter herbeieilen, um die 10 Uhren seines Sektors in Gang zu setzen. An all diese Rituale habe ich mich inzwischen gewöhnt.

Wie erwartet, ist IM Vladimir Chubar aus der Ukraine ein älteres Semester. Die 60 dürfte er bereits überschritten haben. Meine Vorbereitung läuft ins Leere. Es entsteht etwas Undefinierbares, ein Damenbauernspiel, wie mir das Programm später verrät. Ich tausche alles weg, was sich mir in den Weg stellt und erreiche eine sehr ausgeglichene Stellung. Auf dem Brett verbleiben lediglich zwei Türme und eine Leichtfigur sowie sieben Bauern auf jeder Seite. Ich strebe natürlich nach einer Punkteteilung, was mir aber misslingt.

Im Verlaufe dieses Endspiels merke ich mehr und mehr, dass er eben doch ein Internationaler Meister ist, niedrige ELO-Zahl hin oder her. Einmal im Leben hatte er eben 2400 Punkte auf seinem Konto, und das erfahre ich jetzt am eigenen Leib. Aus dem „Nichts“ zaubert er innerhalb von 18 Zügen eine glatte Gewinnstellung! Dabei begehe ich lediglich an zwei Stellen kleine Ungenauigkeiten, keine groben Fehler. Allein das genügt schon.

Ich hadere mit der Auslosung. Schon in Gibraltar hatte ich kein Glück damit, und auch hier habe ich einerseits sechsmal schwarz, und andererseits bekomme ich in der letzten Runde noch einen IM serviert. Nun sind es doch nur drei Punkte aus elf Partien geworden. Nachdem ich diese drei Zähler bereits nach neun Runden erreicht habe, bin ich jetzt natürlich etwas griesgrämig. Ein halbes Pünktchen aus den letzten beiden Runden hätte es schon noch sein dürfen.

Auf der anderen Seite habe ich immerhin in fünf Partien etwas Zählbares gegen deutlich Stärkere herausgepresst und habe wieder zu meiner alten Spielstärke zurückgefunden. Mehr ist auf meinem Niveau kaum zu erwarten.

Ich kiebitze bei GM Alexander Delchev und erlebe mit, wie er gegen den Tschechen Vlastimil Babula in hochgradiger Zeitnot eine gewinnverdächtigte Stellung verdirbt. Er verrechnet sich, und verliert auf einfache Weise einen Läufer, worauf er sofort aufgibt. Es ist ein gewisser Trost, wenn man miterlebt, dass es auch gestandenen Großmeistern so gehen kann wie uns Amateuren.

In der letzten Runde wird noch mal hart gekämpft, denn es geht um viel Geld und um die Weltcup-Qualifikation. An den drei Spitzenbrettern gewinnen die Weißspieler, aber auch die relativ wenigen Remispartien werden voll ausgespielt. So möchte man das immer sehen!

Im Hotelzimmer gebe ich die Partie ein. Die Analyse ist dank des früh entstandenen Endspiels relativ schnell erledigt. Ich aktualisiere das Tagebuch und beende den letzten Spieltag gegen 23:20. 3 aus 11.

Donnerstag, 18.03.2010:
Seinerzeit, bei der Durchsicht des Spielplans habe ich nicht richtig aufgepasst. Sonst hätte ich nämlich die Heimreise auf den heutigen Tag gelegt. Dann hätte ich zwar die abendliche Siegerehrung verpasst, aber für mich gibt’s sowieso nichts zu holen. Auf diese Weise habe ich noch einen ganzen Tag zum Arbeiten zur Verfügung. Schachmaterial ist genügend vorhanden, Lust sowieso!

Heute finden im Hotel Milenij, einem 5-Sterne Haus in Opatija, in dem ebenfalls viele Schachspieler untergebracht sind, die Tiebreaks statt, um die insgesamt 22 Spieler für die Teilnahmeberechtigung beim nächsten Weltcup zu ermitteln. Der 23. Platz ist bereits vergeben und zwar an den neuen Europameister Ian Nepomniatchchi (20) aus Russland! Als Einziger hat er das sagenhafte Ergebnis von 9 aus 11 erreicht, und ist damit alleiniger Sieger! Gestern hat er noch den Weltklassemann Vladimir Akopian (ARM, 2680) mit Weiß weggeputzt.

Zweiter wurde der lange Führende Baadur Jobava aus Georgien mit 8,5 Punkten, Dritter Artyom Timofeev (RUS), ebenfalls 8,5. Dahinter folgen sieben Spieler mit 8 Zählern. Damit ist man ebenfalls sicher für den Weltcup qualifiziert. Nachsitzen im Hotel Milenij müssen die „Siebeneinhalber“. Ich werde diesen Schnellpartien nicht beiwohnen, sondern nutze die Zeit lieber für das eigene Training.

Nun zu meinem Ergebnis: Als Drittbester der Teilnehmer mit 3 Punkten belege ich den ehrenhaften 380. Platz, fünf Ränge vor meiner Setzlistenplatzierung. Gegen einen Gegnerschnitt von 2147 habe ich eine Leistung von 1996 erzielt und mich um 15 ELO-Punkte verbessert. Rein von diesen statistischen Zahlen her bin ich sehr zufrieden, aber zum perfekten Glück hätte es gestern schon noch mal ein Remis sein müssen.

Und die übrigen Deutschen? Positiv überrascht und sich nennenswert verbessert hat sich ein einziger und zwar der IM Matthias Womacka (2452). Er erzielte zwar nur 50%, verbesserte sich damit aber um 18 ELO-Punkte. Der Spitzenspieler der Nationalmannschaft, Arkadij Naiditsch, schaffte 7 Punkte und Rang 41. Seine ELO-Zahl bleibt gleich. Enttäuschend schnitten Jan Gustafsson (6,0 Punkte, 132. Platz, -11 ELO), Georg Meier (5,5, 193., -13) sowie Daniel Friedman (5,0, 247., -16) ab. GM Rainer Buhmann erzielte wie Naiditsch 7 Punkte, wurde 67., verschlechterte sich aber trotzdem um 5 ELO Punkte.

Alle Ergebnisse sind auf der wirklich sehr empfehlenswerten Seite www.chess-results.com nachzulesen. Freunde der Statistik sind hier in ihrem Element. Hier gibt es Tabellen und Ranglisten nach den verschiedensten Kriterien.

Im Laufe des Tages lese ich zwei weitere Kapitel im Andersson Strategiebuch. Das ist schwere Kost! Außerdem arbeite ich bislang ungelesene Schachhefte auf. Im Grunde ist es das Beste, was ich hier tun kann, denn die Stadt Opatija ist auch nach dem leichten Anstieg der Temperaturen völlig tot. Ich denke, das Leben beginnt hier erst so richtig nach Ostern, wenn die Zahl der Besucher merklich ansteigt. Dennoch: die Organisatoren haben hier wirklich Großartiges geleistet. Was hier von den Kroaten auf die Beine gestellt wurde, verdient die uneingeschränkte Anerkennung aller und gehört zweifellos in die Kategorie Weltklasse!


Um 19:15 fahre ich ein letztes Mal mit dem Turnierbus nach Rijeka zur Siegerehrung. Heute gibt es überhaupt keine Schwierigkeiten, einen Sitzplatz zu finden, denn viele Teilnehmer sind schon abgereist. Andere legen dagegen keinen Wert darauf, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Ich denke mir, wenn ich noch da bin, dann gehe ich auch hin.

In der Halle sind alle nötigen Vorbereitungen getroffen. Rednerpult samt Mikrofone, eine kleine Siegerbühne sowie Plakattafeln mit dem Turnier-Werbeposter sind aufgebaut. Es sind geschätzte 200 Personen anwesend. Die Verantwortlichen sprechen nochmals die Reihenfolge der Redner ab, ehe es kurz nach 20:00 mit der Zeremonie losgeht.

Der kroatische Turnierdirektor Damir Vrhovnik ergreift das Wort, bedankt sich bei allen Sponsoren, in erster Linie der Stadt Rijeka, den Hotels, dem Tourismusverband, allen Helfern wie Hostessen und Schiedsrichtern sowie bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben Rijekas. Er begrüßt die Vertreter aus Politik, Wirtschaft und der Medien.

Im Anschluss präsentiert er einige interessante Daten und Fakten zum Turnier. Dabei leuchtet das, was er gerade sagt, an einer großen elektronischen Anzeigetafel hoch oben an der Wand in englischer Sprache auf. Da ist eine zweisprachige Ansage oder gar ein Simultanübersetzer überflüssig! Er gibt beispielsweise bekannt, das 566 Spielerinnen und Spieler aus 41 europäischen Ländern am Start waren. dass die Remisquote erfreulich niedrige 32% betrug und dass insgesamt 41 GM- und IM-Normen erspielt wurden.

440 Teilnehmer/Innen trugen einen der drei FIDE-Titel. Bei den Herren nahmen 196 Großmeister teil, bei den Damen waren 134 von 158 Teilnehmerinnen mit einem Titel ausgestattet! Die Teilnehmer spielten während der beiden vergangenen Wochen genau 3078 Partien!

Zudem wartete er mit beeindruckenden Zahlen zur Internetnutzung auf. Insgesamt gab es während der beiden Turnierwochen mehr als zwei Millionen Seitenaufrufe aus aller Welt, um in erster Linie die Partien live zu verfolgen, aber auch um sich ganz allgemein über die Adriaregion zu informieren. Dabei war Donnerstag, der 11. März mit über 200.000 Aufrufen der stärkste Tag.

Nach etwa zehn Minuten übergibt er das Mikrofon an den Oberschiedsrichter Mladen Bratovic. Dieser liest ziemlich monoton die Namen der Damen vor, die einen der Rating-Sonderpreise gewonnen haben. Danach liest er diejenigen Namen vor, die sich für die Damenweltmeisterschaft qualifiziert haben. Wiederum leuchten all diese Namen an der Anzeigetafel auf. Nach vorne kommen die Genannten allerdings nicht. Nur die drei Erstplatzierten schreiten unter der eingespielten Melodie „Stand up for the champions“ Richtung Bühne und stellen sich dort der Fotografenmeute.

Es gewann zum zweiten Mal in ihrer Karriere die Grand Dame des Frauenschachs, die allseits beliebte Pia Cramling aus Schweden, vor der lang gewachsenen Litauerin Viktoija Cmilyte sowie Monika Socko aus Polen. Als alle drei von den diversen Honoratioren reichlich beschenkt sind, wird die schwedische Nationalhymne gespielt.


Bei den Herren wiederholt sich praktisch dasselbe, nur dass hier die Liste der Namen derer, die sich für den Weltcup qualifiziert hat, deutlich länger ist als bei den Damen. Die drei Erstplatzierten Ian Nepomniatchchi (RUS), Baadur Jobava (GEO) und Artyom Timofeev (RUS) marschieren unter derselben Melodie nach vorne, wobei Jobava in eine große georgische Nationalfahne eingehüllt ist. Er trägt sie mit großem Stolz und strahlt über das ganze Gesicht. Der Mann hat Nationalstolz, der aber sympathisch und nicht unangenehm daherkommt. Hätte er an der Bushaltestelle das Bier weggelassen, hätte er das Turnier bestimmt gewonnen! Alle drei ernten großen Beifall, insbesondere natürlich von ihren Kolonien im Publikum.

Nachdem der letzte Akkord der russischen Nationalhymne verklungen ist, steht ein Großteil des Publikums sofort auf und läuft Richtung Ausgang. So muss der Bürgermeister der Stadt Aix les Bains, in dessen Heimat die nächste Europameisterschaft stattfinden wird, sein Grußwort in englischer Sprache vor mehr oder weniger leeren Rängen halten. Kaum einer hört ihm zu, aber im Grunde hat er auch nicht viel zu sagen. Gegen 20:45 ist die Veranstaltung beendet, und die Teilnehmer streben ein letztes Mal zum Bus, der sie zurück nach Opatija bringt.

Der Tag wird nicht beendet, ohne einige Partien aus einem der Chessbase Magazine nachgespielt zu haben, die ich übrigens wärmstens empfehlen kann. Das Material ist aktuell, reichhaltig und qualitativ äußerst hochwertig. Alle zwei Monate erscheint eine neue DVD.

Freitag, 19.03.2010:
Neun Profis aus dem Teilnehmerfeld reisen heute von Opatija aus direkt nach Emsdetten zum wichtigen Bundesliga-Wochenende! Die Emsländer sind Gastgeber für Baden-Baden, Wattenscheid und Heidelberg-Handschuhsheim. Für Baden-Baden werden antreten: Etienne Bacrot, Francisco Vallejo-Pons, Arkadij Naiditsch, Liviu-Dieter Nisipeanu sowie Jan Gustafsson. Die Konkurrenz hofft, dass die Helden der EM noch müde sind und dadurch vielleicht eine kleine Außenseiterchance besteht.

Aber auch Wattenscheid sowie Emsdetten greifen auf Profis zurück. Für die Kohlenpotttruppe treten Evgeniy Najer (RUS) und Mateusz Bartel (POL) an, während Emsdetten seine holländische Fraktion an die Bretter bringt (Anish Giri, der Jungstar und Ruud Jansen).

Für die Profis ist es ein Leben aus dem Koffer – modernes Nomadentum. Ob das auf die Dauer so erstrebenswert ist? Ich bin jedenfalls ganz froh, dass ich bald wieder in die normale Arbeitswelt zurückkehren kann, so gern ich auch Schach spiele. Da bin ich ganz Realist.

Nach dem Frühstück winde ich mich nach Kräften, um irgendwie das Kofferpacken zu umgehen. Eine ganze Weile lang gelingt es mir durch Tagebuchschreiben, aber gegen 10:30 hilft wirklich gar nichts mehr. Ich krame das Ding hervor und fülle es mit meinen Habseligkeiten. Kurz nach 12:00 schlage ich mir letztmals den Bauch am Buffet voll, denn um 12:45 fährt mein Bus nach Zagreb ab.

Überpünktlich um 12:35 fährt ein hochmoderner, fast neuer Reisebus vor und pickt die restlichen 18 Teilnehmer auf. Die Masse ist bereits am Vormittag mit drei anderen Bussen abgeholt worden. Ich bedanke mich bei zwei der überaus charmanten Hostessen, die den Teilnehmern stets mit Rat und Tat zur Seite standen und nehme Abschied. Nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt treffe ich am Flughafen in Zagreb ein. Innerhalb von nicht einmal 15 Minuten checke ich ein und überwinde Sicherheitsprozedur sowie Ausweiskontrolle. Das ist der Vorteil eines kleinen Flughafens. Der Flug über Teile der Alpen bei wolkenfreiem Himmel dauert gerade mal 45 Minuten. Um 20:05 betrete ich meine Wohnung. Eine grandiose Schachveranstaltung hat ihr Ende gefunden!


(Stefan Winkler)