Gute Vorstellung in Pula, Kroatien

Knut Schallöhr und Stefan Winkler verbessern ihre DWZ deutlich

 

Es war mal wieder so weit: Der Berichterstatter ging auf Openreise, diesmal zusammen mit Knut Schallöhr und dessen Lebensgefährtin. Was die Reiseplanung angeht, hat Knut klare Vorstellungen: Morgens um 7:00 sollte es am 20.06. losgehen. Da kannte er keine Gnade! Schließlich wollte er bereits am Nachmittag am Strand sein und darüber hinaus noch den ersten schachfreien Abend nutzen. Das hieß, ich musste um 6:00 aus den Federn, zur gleichen Zeit wie an einem ganz normalen Arbeitstag! Um 7:08 rauschten die beiden heran, und nach einer kurzen Begrüßung samt Ladeprozedur konnte die Fahrt beginnen.

 

Einige Wochen zuvor war Knut bereits vor Ort und hatte sich im Rahmen seiner alljährlichen Tennisreise die unmittelbare Umgebung angesehen. Es konnte also keine Überraschungen jedweder Art geben. Trotz zweier Pausen und mehrerer Stops an den Mautschranken und Grenzen trafen wir nach etwas mehr als siebenstündiger Fahrt an unserem Ziel ein.

 

Knut hatte ein DZ in dem 4****-Hotel gebucht, in dem auch das Turnier stattfand. Mein Zimmer lag im 3***-Haus gleich gegenüber, keine zwei Minuten entfernt. Entgegen der Ankündigung auf der Ausschreibung war die Anmeldung am Nachmittag nicht möglich. Im vorgesehenen Spielsaal fand noch ein Fachkongress für Psychologie und Nervenkrankheiten statt. Hätten die Herren noch einen Tag länger getagt, sie hätten unter den Schachspielern reichlich Patientenpotenzial vorgefunden!

 

Am Samstagvormittag stand den Schächern also der große Kongresssaal und ein weiterer kleinerer Raum für das Turnier zur Verfügung, das zum 22. Mal ausgetragen wurde. Schließlich fanden sich 268 Spieler aus 20 Ländern ein, darunter 11 GM, 19 IM und 25 FM, die in einer Gruppe um das Preisgeld von insgesamt 8.400,- Euro kämpften. Bemerkenswert war die große Anzahl von Damen mit hoher Spielstärke (27). Unter ihnen befanden sich je eine WGM und WIM sowie 3 WFM. Insgesamt nahmen 60 Titelträger teil.

 

Wenige Minuten vor dem Turnierstart kam bei Knut und mir Hektik auf. Wie gefordert, hatten wir zwei unserer elektronischen Uhren dabei. Im Vorfeld hatte ich die Information erhalten, deren Einsatz sei nur für den Fall vorgesehen, dass zu wenige Uhren zur Verfügung stünden. Nun, kurz vor 16:30 hieß es, grundsätzlich müsse der Spieler mit Weiß die Uhr zur Verfügung stellen! Und wir hatten beide Weiß! Nach einigen erfolglosen Versuchen von Knuts Gegner, den Modus der Silver Uhr zu ändern, löste Knut das Problem, indem er sich von der Turnierleitung eine andere Uhr lieh, gleichzeitig aber zu erkennen gab, dass er eine andere Uhr dabei hat. So sparte er sich die Leihgebühr von einem Euro!

 

Ich selbst hatte das Glück, dass meine schwedische Gegnerin, die 17-jährige Tochter des Großmeisters Evgeny Agrest, ihre Uhr zur Verfügung stellte. Nach der Partie gab ich mein Exemplar einem der technischen Helfer, der versprach, die Uhr bis zum nächsten Tag auf den Modus 90 Minuten für 40 Züge plus 30 Sekunden pro Zug umzuprogrammieren, was auch geschah. Immer wieder erlebt man Überraschungen, obwohl dies seit 1976 mein 94. Open war, an dem ich teilnahm. Derlei Schwierigkeiten gab es bislang nicht.
Probleme bekannterer Art taten sich in der ersten Partie auf. Wie so oft fand ich in der 1. Runde überhaupt keine Einstellung zum Turnier. Die Hektik wegen der Uhr, die völlig ungewohnte Bedenkzeitregelung und natürlich die ungemein starke Gegnerin (ELO 2180), die in den Genuss täglichen Großmeistertrainings kommt, all das führte zu einer schwachen Vorstellung, die bereits nach zwei Stunden beendet war. Nach einer fast peinlichen Darbietung war der Punkt weg. Knut ereilte das gleiche Schicksal, leistete aber deutlich größeren Widerstand gegen seinen österreichischen Konkurrenten.

In Runde zwei erzielte Knut sein erstes Teil-Erfolgserlebnis. Remis gegen den nächsten Ösi mit 2046, während ich das nächste Osterei legte. Verlust gegen ein Mitglied des österreichischen Jugendkaders. Seine geplante Vorbereitung gegen mich scheiterte daran, dass sich auf der Mega-Database zwei Spieler namens Stefan Winkler befanden! Manchmal ist es hilfreich, einen häufigen Namen zu tragen! Allerdings holte er den Punkt gegen mich auch ohne Vorbereitung.

Runde 3 brachte mir zur „Strafe“ ein 7-jähriges slowenisches Kind, das über Anfängerstatus nicht hinaus kam. Nach wenigen Zügen lief er unerzwungen in eine Bauerngabel, und nach nicht einmal einer Stunde war alles vorbei. Ein völlig wertloser Sieg, der in keiner Weise befriedigen konnte. Zudem war meine Buchholz hoffnungslos im Eimer, und auch ELO- und DWZ-technisch brachte der Punkt nichts ein, da der Junge noch kein Rating besaß. In meinen Augen war es vom Vater verantwortungslos, seinen Sohn derart zu verheizen, auch wenn dieser seine Niederlage (und sieben weitere) mit Gleichmut hinnahm.

 

Währenddessen fuhr Knut seinen ersten vollen Zähler gegen den dritten Österreicher ein. 1 ½ aus 3 war eine zufriedenstellende erste Zwischenbilanz. Abends war nach dem reichhaltigen Büffet Wunden lecken (bis zu diesem Zeitpunkt nur bei mir!), Partieanalyse und/oder Fußball angesagt. In der 4. Runde hatte ich mein erstes „richtiges“ Erfolgserlebnis. Voller Punkt gegen einen Deutschen mit ELO 2034 und DWZ 2019. Premiere in einem Tarrasch-Franzosen mit 3…Sf6. Bislang hatte ich 3…c5 bevorzugt. Ab und zu muss man mal etwas Neues probieren. Knut glänzte mit einem neuerlichen Remis gegen einen Slowenen mit immerhin 2101 ELO-Punkten.

 

Der Dienstag war der einzige Tag mit zwei Runden. Um 16:30 folgte nach einem erholsamen Mittagsschlaf der nächste Deutsche, leider wieder mit Schwarz. Nach anspruchsloser Eröffnung (wieder Französisch) erzielte ich raschen Ausgleich und gewann im späteren Verlauf durch einen simplen taktischen Trick sogar einen Bauern, der mir eine Gewinnstellung einbrachte. In beginnender Zeitnot stellte ich den Mehrbauern wieder ein und verlor das entstandene Endspiel in einem langen Zeitnotgemetzel, in dessen Verlauf ich mehrere Rettungschancen ausließ. Erstmals stellte sich ein tiefes Frustgefühl ein, weil ich einmal mehr meinen Vorteil nicht in einen Sieg ummünzen konnte. Knut stand gegen ein spielstarkes norwegisches Mädchen (ELO 2066) als Schwarzer in einem Damengambit auf verlorenem Posten.

 

Neuer Tag, neues Glück! Endlich mal wieder Weiß! Topfit und ausgeschlafen fand ich mich am Brett ein und wollte um jeden Preis den vollen Punkt erzielen, auch wenn mein österreichischer Kontrahent mit einer ELO von 2051 aufwartete. Durch ein gewagtes Qualitätsopfer erhielt ich starken Angriff, der in einen Mattangriff mündete und zum gewünschten Ergebnis führte! Trotz einer Ungenauigkeit in der Eröffnung eine gute und zeigenswerte Leistung!

 

Knut wurde gleich der nächste Norweger serviert, und wieder kam der Sieger aus dem hohen Norden. Immerhin spendeten abends die Fußballer etwas Trost mit ihrem Halbfinalsieg gegen die Türken.

 

Die 7. Runde brachte mir Knuts Norwegerin aus Runde 5 und zwar mit Schwarz. Somit konnte ich mich auf sie vorbereiten, auch wenn ich nicht genau wusste, welche Variante sie wählen würde. Wir landeten in der hyperscharfen Moskauer Variante des halbslawischen Damengambits und ratterten in bester Großmeistermanier die ersten 13 Züge innerhalb von fünf Minuten herunter! Endlich kannte mal jemand Theorie und spielte diese auch! Im 15. Zug brachte sie ein Damenopfer (gegen Springer und Turm), das ich nicht kannte, das aber als ganz normale Variante in der Enzyklopädie zu finden war und mit der Bewertung „leichter Vorteil für Weiߓ endet.

 

Ab jetzt wurde richtig Hirnschmalz verwendet, denn wer die Variante kennt, weiß, welche aberwitzige Anzahl von Varianten und Möglichkeiten sich hier auftut. Ich bin mir sicher, noch nie in einer Partie derart viel gerechnet zu haben wie in dieser! Im 19. Zug folgte ein schwerwiegender Fehler meiner Gegnerin, den man sich in einer derart taktischen Stellung nicht leisten darf. Zunächst beantwortete ich diesen schwachen Zug korrekt und erzielte eine deutliche Gewinnstellung. Dann aber ließ ich an mehreren Stellen die nötige Konsequenz vermissen und spielte zu ängstlich. Das Blatt wendete sich, und am Ende war mein Freibauer um ein Tempo zu langsam. Bitter, bitter…Schwerwiegende Zeitnot war auch diesmal mein treuer Begleiter, trotz der rasch herunter gespulten Eröffnung.

 

Nach zwei Nullen in Folge punktete Knut endlich wieder voll! Nach gut geführter Partie und klarer Gewinnstellung mit Mehrqualität büßte er ohne Not einen Läufer ein und stand plötzlich auf Verlust. Durch seinen bewundernswerten Kampfgeist schrieb er die Partie trotz hochgradig werdender Zeitnot nicht ab und konnte seinen Angriff wenigstens halbwegs aufrecht erhalten. Als ich nach dem Essen in den Turniersaal zurück kehrte, staunte ich nicht schlecht, dass er nicht nur nach wie vor am Brett saß, sondern im Begriff war, die Partie zum zweiten Mal zu gewinnen! Und das mit einer Restbedenkzeit von gerade mal 3 Minuten und ein paar Sekunden! Er konnte in ein Endspiel mit Dame gegen Turm abwickeln, und zum Glück gab der Gegner frühzeitig auf, denn wer Knut einmal in Zeitnot erlebt hat, muss um dessen Gesundheit fürchten! Diesen Punkt hatte er sich wahrlich hart erarbeitet!

 

Über die Auslosung für Runde 8 war ich ganz und gar nicht erfreut. Erneut wurde ich mit Schwarz ausgelost, bereits zum fünften Mal! Zum zweiten Mal hatte ich zwei Mal hintereinander Schwarz. Mit anderen Worten, in den letzten 5 Runden hatte ich vier Mal schwarz und nur ein Mal Weiß! Eine extrem unglückliche Konstellation, aber auslosungstechnisch korrekt und nicht zu beanstanden. Diesmal saß mir ein Italiener gegenüber, der so gar nicht wie ein solcher aussah. Eher hätte ich auf einen Schweden oder Norwegergetippt. Lang, dünn, blond, mit Hornbrille, trocken, wortkarg, wie ein Skandinavier eben.

 

Ich geriet in eine selten gespielte Variante im Vorstoß-Franzosen, die ich eine kleine Ewigkeit nicht mehr auf dem Brett hatte. Dementsprechend schlecht konnte ich mich daran erinnern und „vergaߓ einen nötigen Zwischenzug, worauf ich einen wichtigen Bauern einbüßte. Danach war es praktisch aus und vorbei. Zusammen mit der ersten Runde meine schwächste Partie. Ärgerlich!

Da kämpfte Knut gegen seinen ersten Kroaten (2070) weitaus besser, auch wenn er am Ende den Kürzeren zog und wegen Zeitüberschreitung verlor. So standen wir vor der letzten Runde beide mit 3 aus 8 da. Die Finalrunde am Samstagvormittag bescherte mir die erste Kroatin, die immerhin noch mit einem Rating von 2046 aufwarten konnte. Egal, ich wollte um jeden Preis den Punkt einsacken und entwickelte großen Siegeswillen. Meine Leib- und Magenvariante kam aufs Brett, was meine Zuversicht noch erhöhte. Durch ein einziges falsches Zurückschlagen im 5. Zug kam meine Gegnerin in der gesamten Partie nicht zum Atmen. Schritt für Schritt vergrößerte sich mein Vorteil, bis ich im 24. Zug die Ernte in Form eines Springergewinns einfahren konnte. Schwarz gab angesichts meiner aufkommenden Zeitnot (13 Minuten) noch nicht auf, aber ich spielte trotz vollen Bretts konsequent und fehlerfrei weiter. Im 30. Zug hatte sie die Wahl zwischen weiterem Figurenverlust und Matt. Sie entschied sich für Aufgabe. Eine Partie wie aus einem Guss (siehe kommentierte Partie)!

 

Knut ging auch zum Abschluss noch mal über die volle Distanz. Geschickt verteidigte er ein Morra-Gambit. Mehr noch – er erzielte einen zwischenzeitlichen Qualitätsgewinn, der sich später in eine Minusqualität umkehrte, allerdings gegen zwei Bauern. Mit stark reduziertem Material gelang es Weiß nicht mehr, zu gewinnen. So lief Knut zwar „nur“ mit 3,5 aus 9 ins Ziel ein, verbesserte seine DWZ (!) jedoch um satte 61 Punkte! Sein Gegnerschnitt betrug 2061 ELO, während die Leistung bei ausgezeichneten 1981 lag.

 

Bei mir wurden wegen des slowenischen Kindes leider nur 3 aus 8 gewertet, was den DWZ-Zugewinn auf 35 Punkte beschränkte (nun 1832). Der Gegnerschnitt betrug ELO 2046, die Performance 1947.

 

Wir waren trotz manch schmerzlicher Niederlage mit unserem Ergebnis zufrieden und planen beide, auch im kommenden Jahr wieder nach Pula zu reisen. Es gibt viele Gründe, auch 2009 an diesem gut organisierten Turnier teilzunehmen.

 

Ergebnisliste mit Fortschrittstabelle:
http://www.skpula.hr/index.htm

(Stefan Winkler)