Das Glücksduo von Laimering

Gerhard Strecker und Stefan Winkler belegen die Plätze 2 und 3

 

Laimering – Wo liegt denn das? Dies war eine der ersten Fragen, die ich mir stellte, als ich erstmals von dem kleinen Wochenend-Open las. Dasing sagte mir da schon mehr. Direkt an der A 8 gelegen, kurz vor Augsburg. Da im Januar keine Mannschaftskämpfe anstanden und ich schachlich fit bleiben wollte, machte ich mich auf die Suche nach einem Begleiter, der außerdem Autofahrer sein musste, denn anders als mit dem Wagen kann man dieses abgeschiedene Dorf nicht erreichen. Nach längerer Suche wurde ich doch noch fündig. Gerhard Strecker, unser langjähriger Kapitän der Zweiten, fand sich bereit, und so machten wir uns am 26.1. auf zu unserem gemeinsamen Ziel.

 

Das Turnier wurde zum ersten Mal durchgeführt. 18 Spieler waren vorangemeldet, und wir rechneten mit ca. 30 Schachjüngern. Doch nicht nur unsere Gesichter wurden lang und länger, auch das des Turnierausrichters Jürgen Lenz. An der mangelnden Werbung kann es nun wirklich nicht gelegen haben. Bei vielen Opens im Spätherbst gab es Ausschreibungen und auch im Internet fanden sich Links auf allen gängigen Turnierkalenderseiten. Der Spielsaal war für 80 Spieler ausgelegt. Als Jürgen Lenz schließlich zur Auslosung schritt, waren es magere 14 Teilnehmer! Sogar von den Vorangemeldeten waren vier nicht erschienen.

 

Bei Gerhard und mir war die Stimmung zunächst gedrückt. Dennoch wollten wir spielen und arrangierten uns relativ schnell mit den Gegebenheiten. Gerhard musste mit Schwarz gegen eine gebürtige Ukrainerin ran, während ich gegen einen 1560er aus Kirchseeon ebenfalls mit Schwarz kam. Meine Wenigkeit hatte überhaupt keine Probleme, den Punkt einzufahren, dafür quälte sich Gerhard mit einer gedrückten Stellung herum und konnte sich nur scheinbar befreien.

 

Nach etwa 4 Stunden hatte das grausame Spiel ein Ende gefunden. Gerhard musste die Waffen strecken. Er war restlos bedient! Verloren gegen DWZ 1618, mit der Aussicht, am nächsten Morgen gegen einen ganz schwachen Gegner zu kommen.

 

Aber diese Niederlage zeigte einmal mehr, dass man sich von Zahlen niemals täuschen lassen darf. Elena Wallrabenstein spielte um geschätzte 300 Punkte stärker als ihre Zahl es aussagt. Positionell korrekt, technisch sauber. Da gab es wirklich überhaupt nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil!

 

Am nächsten Morgen kam ich gegen diese starke Dame. Ich war also vorgewarnt. Derzeit experimentiere ich etwas an meinen Eröffnungen herum. Mit Weiß stöpselte ich ausgangs der Eröffnung grauenhaft umher und brachte es mit einigem Geschick fertig, im 12. Zug eine Figur einzustellen. Nach knapp zwei Stunden war alles vorbei.

 

Gerhard bekam mit Dieter Helbig einen guten Gegner zugelost. Das war alles andere als ein Selbstläufer! Doch er hatte seine Null“ vom Vorabend gut verdaut und kämpfte den sympathischen Weilheimer schließlich nieder.

 

Nachmittags bekam ich es mit Hans-Joachim Czikuß (Turnerbund Regensburg, DWZ 1853) zu tun. Was sich in dieser Partie abspielte, werde ich so schnell nicht vergessen. Nach kampfbetontem Verlauf und langer, hartnäckiger Gegenwehr wurde ich doch weichgeknetet und geriet in eine glasklare Verluststellung. Ich hatte mich jedoch derart in die Stellung verbissen, dass ich mich trotz haushohen Materialnachteils nicht von der Partie trennen wollte. Zudem befanden wir uns in der Zeitnotphase der Verlängerung. Mein Gegner verfügte noch über ca. 2 ½ Minuten, ich über ca. 3 ½ Minuten. Nach dem 71. Zug war die folgende Stellung entstanden:

Weiß: Kh3, Dd5, Le4, d4, g3, h7. Schwarz: Ke7, Tf8, b2.

 

Mein Gegner zog nun 72. h8D??, was ich flugs mit Txh8 SCHACH beantwortete. Das Schachgebot hatte er glatt übersehen! In der Hektik spielte er 73. De5+ mit der Idee, nach einem Königszug meinen letzten Turm auf h8 zu vernichten. Ich reklamierte „unmöglicher Zug“, setzte seine Uhr wieder in Gang und bestand auf den einzig möglichen Damenzug nach h5. Also: 73. Dh5, Txh5+. Er hatte also mit 2 Zügen 2 Damen mit Schach eingestellt. Keine schlechte Quote! Danach kassierte ich für den Freibauern auf b2 den Läufer ein und auch die letzten beiden weißen Bauern, um ihn dann mit meiner bekannt schlechten Technik mit König und Turm mattzusetzen!

 

Einen Moment lang dachte ich nach seinen beiden Dameneinstellern über ein Remisangebot nach. Dann sagte ich mir aber, die Zeit ist eben auch ein Faktor, und der Gegner muss genau wie ich damit zurecht kommen. In diesem Fall hatte er eben gewaltige Schwierigkeiten damit und machte krasse Fehler. Jede andere Zugfolge hätte für Weiß gewonnen, aber wenn er diese nicht wählt, kann ich nichts dafür. Andererseits muss ich zugeben, dass ich mich nicht wirklich wohl gefühlt habe.

Währenddessen hatte Gerhard leichtes Spiel mit meinem Gegner aus Runde 1 und harrte geduldig aus, bis ich mit meinem Drama endlich fertig war.

 

Der Sonntagmorgen brachte Gerhard den Spitzenreiter Udo Wallrabenstein, während ich mich mit dem Rosenheimer Christian Rösch (DWZ 1575) messen musste. Gerhard hatte inzwischen seine Betriebstemperatur erreicht und holte sich mit relativ wenig Aufwand einen halben Zähler. Meine Wenigkeit strebte mit weiß den vollen Punkt an, wofür ich deutlich mehr Energie investieren musste. Auch hier stellte sich wieder heraus, dass manch ein Spieler, der über eine niedrige DWZ verfügt, erheblich stärker spielen kann. Hätte er in der entscheidenden Phase die versteckte taktische Möglichkeit entdeckt, wäre für mich nicht mehr als ein remis durch Dauerschach drin gewesen. So aber schlug mein Königsangriff doch durch.

 

In der Finalrunde wurde Gerhard der Lentinger Uwe Gugenberger (DWZ 1630) zugelost, während ich mich mit dem nach wie vor führenden Udo Wallrabenstein (DWZ 1997) auseinander zu setzen hatte. Dieser war mit seinem Laptop und der darauf befindlichen „Mega-Database“ mit ca. 2 Millionen Partien angereist. Dort sind auch einige „Wunderwerke“ von mir verewigt. Wenn ich ehrlich bin, ist das pure Speicherplatzverschwendung! Mein Gegenüber fand eine Partie von mir mit Schwarz, die ich im August 2006 in Wien gespielt hatte. Seine Vorbereitung auf mich ging aber ins Leere, da ich auf sein 1. c4 ein völlig anderes System spielte als noch in Wien. Da ich recht früh von den üblichen Hauptvarianten abwich und er daraufhin den stärksten Zug nicht fand, erreichte ich früh eine sehr gute Stellung. In diesem günstigen Moment bot ich die Punkteteilung an, die er nach kurzem Abwägen annahm.

 

Dagegen quälte sich Gerhard als Schwarzer in einem lahmen Damengambit herum, in dem er einfach nicht richtig in die Gänge kam. Das sah lange Zeit bestenfalls nach remis aus, was mir den 2. Platz gesichert hätte. Inzwischen war dies die letzte noch laufende Partie, und Weiß verfügte plötzlich über einen Mehrbauern in einem Leichtfigurenendspiel Springer gegen Läufer. In einem günstigen Moment opferte Gerhard schließlich seinen Läufer gegen 2 Bauern, in der Absicht, den rettenden Remishafen zu erreichen. Dies hätte wohl auch funktioniert, wenn sein Gegner seinen Springer nicht so extrem unglücklich postiert hätte. So kam es nämlich, dass Gerhard nach einem abschließenden taktischen Witz einen seiner Bauern zur Dame führen konnte, ohne dass Weiß dies mit seiner Mehrfigur hätte verhindern können! Das war Glücksschach pur, aber wie man die Glücksgöttin Fortuna so richtig in Anspruch nimmt, hatte ich ja selbst am Samstag vorgemacht!

 

Durch diesen Partieverlauf lag Gerhard in der Endtabelle punkt- und wertungsgleich mit Udo Wallrabenstein an der Tabellenspitze. Mit derselben Punktzahl (3,5/5) und einem halben Buchholzpunkt weniger folgte meine Wenigkeit auf Rang 3. Somit fand das Turnier aus Starnberger Sicht einen äußerst erfreulichen Abschluss und wurde noch dazu mit hübschen Geldpreisen (140,- bzw. 70,-) versüßt!

 

 

Fortschrittstabelle: Stand nach der 5. Runde (nach Rangliste)

Nr.

Teilnehmer

ELO

NWZ

1

2

3

4

5

Punkte

Buchh

1.

Wallrabenstein,Ud

2139

1997

9W1

11S1

4W½

2S½

3W½

3.5

12.5

2.

Strecker,Gerhard

2012

1914

4S0

7W1

8S1

1W½

6S1

3.5

12.5

3.

Winkler,Stefan

1825

1767

8S1

4W0

5S1

10W1

1S½

3.5

12.0

4.

Wallrabenstein,El

 

1618

2W1

3S1

1S½

6W½

5S0

3.0

13.5

5.

Czikuß,Hans-Joach

1913

1853

10W1

6S½

3W0

7S½

4W1

3.0

12.5

6.

Gugenberger,Uwe

 

1630

14W1

5W½

11S1

4S½

2W0

3.0

11.5

7.

Helbig,Dieter

 

1697

13W½

2S0

14W1

5W½

10S1

3.0

10.0

8.

Dornreiter,Michae

 

1560

3W0

14S1

2W0

11W½

13S1

2.5

10.5

9.

Dietl,Harald

 

1614

1S0

13S1

10W0

12W1

11S½

2.5

9.5

10.

Rösch,Christian

 

1575

5S0

12W1

9S1

3S0

7W0

2.0

12.0

11.

Kreiter,Thomas

1728

1669

12S1

1W0

6W0

8S½

9W½

2.0

11.5

12.

Geiß,Manuel

 

1377

11W0

10S0

13W1

9S0

14s+

2.0

8.0

13.

König,Horst-Jörg

 

1396

7S½

9W0

12S0

14W1

8W0

1.5

10.0

14.

Kurzack,Andreas

 

957

6S0

8W0

7S0

13S0

12w-

0.0

10.5

 

Kreuztabelle im Schweizer-Systemnach der 5. Runde

Nr.

Teilnehmer

TWZ

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

Punkte

1.

Wallrabenstein,Ud

1997

**

½

½

½

 

 

 

 

1

 

1

 

 

 

3.5

2.

Strecker,Gerhard

1914

½

**

 

0

 

1

1

1

 

 

 

 

 

 

3.5

3.

Winkler,Stefan

1767

½

 

**

0

1

 

 

1

 

1

 

 

 

 

3.5

4.

Wallrabenstein,El

1618

½

1

1

**

0

½

 

 

 

 

 

 

 

 

3.0

5.

Czikuß,Hans-Joach

1853

 

 

0

1

**

½

½

 

 

1

 

 

 

 

3.0

6.

Gugenberger,Uwe

1630

 

0

 

½

½

**

 

 

 

 

1

 

 

1

3.0

7.

Helbig,Dieter

1697

 

0

 

 

½

 

**

 

 

1

 

 

½

1

3.0

8.

Dornreiter,Michae

1560

 

0

0

 

 

 

 

**

 

 

½

 

1

1

2.5

9.

Dietl,Harald

1614

0

 

 

 

 

 

 

 

**

0

½

1

1

 

2.5

10.

Rösch,Christian

1575

 

 

0

 

0

 

0

 

1

**

 

1

 

 

2.0

11.

Kreiter,Thomas

1669

0

 

 

 

 

0

 

½

½

 

**

1

 

 

2.0

12.

Geiß,Manuel

1377

 

 

 

 

 

 

 

 

0

0

0

**

1

+

2.0

13.

König,Horst-Jörg

1396

 

 

 

 

 

 

½

0

0

 

 

0

**

1

1.5

14.

Kurzack,Andreas

957

 

 

 

 

 

0

0

0

 

 

 

-

0

**

0.0

 

(Stefan Winkler)