Eine Schachreise ins sommerliche Wien

 

Vom 29.07.-06.08.06 fand die „15. Internationale Offene Wiener Schachmeisterschaft“ statt. Grund genug, zusammen mit Tommy die Koffer zu packen und nach langer Zeit mal wieder gemeinsam zu einem Open zu reisen. Zuletzt fand dieses Turnier 2003 statt. Unser Neumitglied Dr. Rainer Pappenheim nahm vor drei Jahren teil und schwärmt heute noch von der positiven Atmosphäre und dem schönen Ambiente.

 

Leider kann der Bürgermeister der Stadt Wien den Festsaal des im neugotischen Stil erbauten Rathauses nur alle drei Jahre zur Verfügung stellen, da dieser prächtige Saal für vielerlei andere Veranstaltungen benötigt wird. Dafür half die Stadt auf großzügige Weise beim Sponsoring, als ein vorgesehener Geldgeber kurzfristig abzuspringen drohte. Zum Rathausfestsaal gibt es keine akzeptable Alternative, weshalb das Turnier nicht jährlich durchgeführt werden kann.

 

Die Marketing- und Werbemaßnahmen, um auf das Turnier aufmerksam zu machen, waren vielfältig. Sowohl im ORF als auch bei „Puls-TV“, einer privaten Wiener TV-Station, gab es Vorberichte. Auch im Radio und der Kronen-Zeitung war man vertreten. Man stelle sich vor, bei uns würde in der Bild-Zeitung über Schach berichtet…

 

Das Organisationsteam bestand aus der Hauptschiedsrichterin und stellvertretenden Turnierdirektorin Andrea Prager, 5 internationalen, nationalen und regionalen Schiedsrichtern. Über allem thronte Turnierdirektor Manfred Prager, der sich sehr kompetent zeigte und sein Team professionell führte.

 

Hinzu gesellten sich zwei PC-Spezialisten, die für die komplette Computertechnik und Internetübertragung verantwortlich zeichneten. Zu Recht war man stolz auf sage und schreibe 36 Sensorenbretter, die meisten, die auf einem europäischen Open eingesetzt werden! Mit Hilfe von Sensoren und einer individuellen Kennung in jeder einzelnen Figur registriert die Software zuverlässig jeden einzelnen Zug und überträgt diesen ins Internet. Die Uhren waren ebenfalls verkabelt, um die aktuelle Bedenkzeit anzeigen zu können.

 

Mit Hilfe eines Beamers konnten gleichzeitig 9 Diagramme auf eine Leinwand projiziert werden. So konnten die anwesenden Zuschauer bequem den Verlauf der Partien verfolgen, ohne nahe an die einzelnen Bretter treten zu müssen. Wenn man bedenkt, dass ein Sensorbrett samt kodiertem Figurensatz und Uhr rund 600,- Euro kostet, kann man ermessen, wie viel finanzieller Aufwand nötig ist, um so ein Angebot präsentieren zu können. Die Beteiligten ermöglichten das mit viel Liebe und Idealismus. Dass all diese Bemühungen nicht umsonst waren, zeigen die Zugriffszahlen: Täglich tummelten sich bis zu 30.000 Schachfans aus aller Welt auf der Seite www.vienna-open.at!

 

Im Gegensatz zur Veranstaltung vor drei Jahren gab es diesmal kein C-Turnier, was zu einer Verringerung der Teilnehmerzahl auf insgesamt 298 Spieler führte (A-Turnier 162 TN, B-Turnier 136 TN). Dennoch zeigte sich die Turnierdirektion zufrieden, da man sich finanziell im grünen Bereich befand. Es wird ernsthaft darüber nachgedacht, bei der nächsten Austragung zu einem C-Turnier zurück zu kehren.

 

Zu jeder Runde gab es einen Tagesbericht sowie eine Vielzahl von aktuell eingegebenen Partien aus beiden Turnieren. Zusätzlich wurden ein Jugend-, ein Mädchen- sowie ein Blitzturnier organisiert. Den Teilnehmern wurde also „Schach total“ geboten, was gerne angenommen wurde.

 

Im A-Turnier blieben die ganz großen Namen fern, was angesichts der großzügigen Geldpreise (1. Preis 4.000,- Euro) etwas verwunderte. Allerdings mussten alle Titelträger selbst für Unterkunft und Verpflegung aufkommen. Das hat den einen oder anderen wohl von der Teilnahme abgehalten. Dennoch fanden insgesamt 46 Titelträger (13 GM, 13 IM, 20 FM) den Weg ins Rathaus und sorgten für ein hochklassiges Turnier mit spannenden Partien.

 

A-Turnier:

Tommy spielte ein ausgezeichnetes Turnier, insbesondere in der ersten Turnierhälfte. Leider verdarb er durch eine dumme Niederlage in der letzten Runde eine deutlich bessere Platzierung. Auch seine „Null“ in Runde 7 gegen IM Tadej Sakelsek aus der Slowakei (ELO 2432) war unnötig. Dennoch überwog eindeutig das Positive, denn immerhin schlug er einen IM (Ernst Weinzettl, 2327), einen FM (Christoph Fusi, ELO 2317) und remisierte gegen einen weiteren FM (Roland Weill aus Frankreich, ELO 2273). Den Höhepunkt, was das Ergebnis betraf, lieferte er aber mit dem Remis gegen GM Leonid Gofshtein aus Israel (ELO 2521), den er durch originelles Spiel mit Schwarz überraschte! Am Ende ergab das Rang 45 und die beste Buchholzwertung aller Fünfpunkter.

 

B-Turnier:

Über mein Abschneiden und insbesondere über die Partien sollte man den Mantel des Schweigens legen! Besonders in den ersten Runden, als die Hitze mir zu schaffen machte, waren meine Auftritte haarsträubend. Wenigstens konnte ich mich in der zweiten Turnierhälfte etwas fangen, aber auch da war die Qualität meiner geistigen Bemühungen kaum besser. Gut, dass ich im B-Turnier startete! Der 53. Platz mit 5 aus 9 klingt deutlich besser als es war.

Durch nur eine Runde täglich verblieb viel Zeit für Partieanalyse und Theorie. Diese Zeit nutzten Tommy und ich sinnvoll und es bleibt die Hoffnung, dass es etwas genützt hat!

 

Eines Abends erhielten wir Besuch von Johannes von Casimir, unserem absolut perfekten Webmaster! Es gab ein sehr nettes Wiedersehen mit anregenden Gesprächen. Wie schade, dass Johannes nicht mehr am Starnberger See wohnt, aber das Leben entwickelt sich meist anders als gedacht. Das Gute ist, dass unsere Seite von jedem beliebigen Standort aus gepflegt werden kann, und ich vernahm mit Freude seine Bemerkung, dass er „uns treu bleiben wird!“

 

Alles in allem war es ein gelungener Trip zu unseren „geliebten“ Nachbarn und wir haben unserer 30 Jahre langen Open-Tradition ein weiteres bemerkenswertes Turnier hinzugefügt, an das wir uns sicher sehr lange erinnern werden.

 

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(Stefan Winkler)